Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Beinscheibe … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.09.2018

591_Fields zu schwer

Denke in den vergangenen Tagen häufiger an Ulrich Roski, einen Helden meiner Kindheit. Roski war Liedermacher und Humorist aus Berlin. In den siebziger Jahren feierte er große Erfolge und für mich steht er in einer Reihe mit Loriot und Robert Gernhard. Roski starb viel zu früh mit erst 58 Jahren und leider ist er seitdem in Vergessenheit geraten. Kaum jemand kennt seinen Namen. Bis vor einigen Tagen teilte er dieses Schicksal mit dem Mathematiker Peter Scholze. Außerdem verbindet die beiden eine gewisse Ähnlichkeit, besonders, was die Frisur angeht. Scholze trägt gewissermaßen eine Roski-Gedächtnis-Frise. Und als die Bilder von ihm durch die Presse gingen, dachte ich: Sieht aus wie ein Sohn von Ulrich Roski.
Deutschland ist sehr stolz auf Scholze, er hat mit Kreide und Tafel die Scharte ausgewetzt, die unsere blamablen Kicker in unsere Seele geritzt haben. Wir sind zwar nicht Weltmeister, aber wir sind Fields-Medaille. Auch wenn kein Mensch kapiert, wofür er sie erhalten hat
Zum Forschungsgegenstand des jungen Mathe-Genies ist nicht viel Erhellendes zu recherchieren, denn sein Thema ist abstrakt und ermöglicht kaum Erleichterungen im Alltag. Es lassen sich damit weder Waschpulververbräuche senken noch Wahlprognosen verbessern. Die perfektoiden Räume, über die Scholze nachdenkt, sind ein intellektuelles Vergnügen für einen sehr eingeschränkten Kundenkreis. Wer versucht zu verstehen worum es sich handelt, wird bei Wikipedia unbarmherzig mit folgender Auskunft abgespeist, die so vollkommen unverständlich ist, dass sie sich wie moderne Lyrik liest: „In der Mathematik sind perfektoide Räume adische Räume besonderer Art, die bei der Untersuchung von Problemen „gemischter Charakteristik“ auftreten, wie zum Beispiel lokaler Körper der Charakteristik Null, die Restklassenkörper mit einer primen Charakteristik haben. Ein perfektoider Körper ist ein vollständiger topologischer Körper K, dessen Topologie durch eine nicht diskrete Bewertung von Rang 1 induziert wird, so dass der Frobenius-Endomorphismus Φ auf K°/p surjektiv ist, wobei K° den Ring der potenzbeschränkten Elemente bezeichnet.“
Nun. Gut. Ich kann da nicht mitreden, eigentlich kann da niemand mitreden, denn der Wissenschaftler Scholze hat die perfektoiden Räume quasi erfunden. Es drängt sich in diesen skeptischen Zeiten augenblicklich der Verdacht auf, dass es sie, außer in seinem Kopf, gar nicht gibt. Das soll ja vorkommen, dass Forscher ihre Forschungsgegenstände einfach kurzerhand herbeiphantasieren. Es ist daher nicht auszuschließen, dass eines Tages der Willi-Borsig-Orden verliehen wird. Damit ehrt eine kleine wissenschaftliche Jury die Bemühungen des Physikers Manfred Schlumke um die Erreichung der Differenzialprognose eines Leuchtspanners mit doppelt arrivierter Schwemmbremse am fotornastischen Kern einer Hybridkalunke mit aufgesetzer manebraldiphtosischer Numpenweitung nach Nordstedt.
Vorerst freuen wir uns aber vorbehaltlos für Peter Scholze. Ich frage mich, ob es bei ihm einen Heureka-Moment gab, ober einmal plötzlich jubelnd an der Tafel stand. Bei Ulrich Roski wurde einst eine ähnliche Szene beschrieben. Das mutige Eichhorn im gleichnamigen Lied musste es im Wald mit einem viel stärkeren Wiesel aufnehmen. Das Eichhorn nahm allen Mut zusammen und haute dem Wiesel eine Glockenblume über den Kopf. Darauf rief es triumphierend aus: „Ich habe das Unmögliche möglich gemacht, ich habe das Wiesel umgebracht.“ Es wird wohl ein Geheimnis bleiben, was Peter Scholze gerufen hat, als er auf die perfektoiden Räume kam. Eigentlich schade, das würde mich interessieren.