Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bananenkrümmer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.09.2018

592_Marschmusik im Sommerloch

Mein Lieblings-Sommer-Thema ist die Diskussion zur Wiedereinführung der Wehrpflicht. Diese war einst ganz selbstverständlich. Man musste im Westen einfach zum Bund oder aber verweigern. Wer beides nicht wollte, dem blieben vier Möglichkeiten, dienstlos davon zu kommen, nämlich erstens die Totalverweigerung mit anschließender kurzer Bewährungsstrafe. Dann zweitens geschicktes Simulantentum bei der Musterung mit Bescheid zur Nichtverwendbarkeit oder drittens: sich extra doof im Dienst anstellen und rausfliegen, was jedoch nur etwas für Hartgesottene war. Das muss man schließlich erst mal hinkriegen, gegen jede Tür in der Kaserne zu laufen. Drei Wochen lang. Als letztes blieb noch die Chance, dritter Sohn in einer Familie sein, dann musste man nicht einmal mehr zur Musterung. Diese Möglichkeit hatte man allerdings nicht in der eigenen Hand.
Die allermeisten absolvierten zähneknirschend entweder Wehr– oder Zivildienst. Von Ersterem kann ich nicht berichten, denn ich war nicht dabei, habe aber oft gehört, dass es rausgeschmissene Zeit gewesen sei. Ein Freund hat mir erzählt, dass er mit seinem Klappspaten ungefähr die halbe Lüneburger Heide umgegraben habe. Ein anderer sagte mal, das einzige, was er beim Bund gelernt habe, sei, Zigaretten einhändig drehen zu können. Der Zivildienst hingegen wird mehrheitlich als sinnvoll und identitätsstiftend gelobt. Ich verstehe gar nicht, dass junge Leute diese Erfahrung nicht einfach verpflichtend machen sollen. Was spricht denn dagegen, ein lächerliches Jährchen lang etwas für die Allgemeinheit zu leisten? Warum sollte man sich nicht mal zwölf Monate mit Kleinkindern, Umweltprojekten, Alten, Behinderten oder armen Menschen beschäftigen?
Bei Zeit-Online habe ich von jemandem gelesen, dass er keine Lust habe, sich ein Jahr lang sagen zu lassen, was er zu tun und zu lassen habe. Gut. Da wünsche ich viel Vergnügen im anschließenden Berufsleben. Das andere oft geäußerte Argument lautet, das Ganze sei nur okay, wenn es wie jetzt auf Freiwilligkeit basiere. Zwang sei böse. Ja, das kann man so sehen. Aber Steuern müssen auch alle zahlen. Und Maut vielleicht bald ebenfalls. Doch gerade bei diesem Zusammenhang dürften die Gegner der neuen Wehrpflicht Morgenluft wittern. Wahrscheinlich kommt die nämlich schon deswegen nicht, weil wir das Gesetz gar nicht hinkriegen. So wie bei der von Alexander „The Brain“ Dobrindt ins Werk gesetzten Maut.
Die Beitragshöhe hätte man einfach von anderswo übernehmen können, denn anderswo ist das ziemlich simpel: Alle zahlen dasselbe. Es fahren ja auch Alle. Bei uns hingegen wird die Zahl auf dem Umweltschutzaufkleber und der Hubraum miteinander in Beziehung gesetzt und für jedes Fahrzeug errechnet, was eine Plakette kostet. Diese Kosten bekommt man dann erstattet, es sei denn, man ist Gastteilnehmer im deutschen Straßenverkehr. Die Einigung auf dieses sagenhaft bürokratische Verfahren kam übrigens dadurch zustande, dass Horst Seehofer den Fortbestand der Großen Koalition durch Erpressung gefährdete.
Unter diesen Umständen können Wehrdienstgegner sich entspannen. Wenn diese Regierung ein entsprechendes Gesetz vorbereiten soll, können wir uns darauf einstellen, dass Katholiken über 1,70 Meter 9 Monate dienen, während Kinder von arbeitslosen Zahntechnikern nur 7,5 Monate zum Bund müssen. Bei allen Anderen wird der IQ durch das Gewicht geteilt. Außer in Bayern, da ist es andersrum. Es wird kompliziert. Es wird dauern. Niemand muss befürchten, plötzlich eingezogen zu werden.