Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.09.2018

593_Camping-Kompetenzen

Urlaub: Das große Sommer-Festival des Reklamierens. Ich gehe fest davon aus, dass 41,6 Prozent der Deutschen am Ende der Ferien eine Mängelliste ausdrucken, mit der sie beim Veranstalter vorstellig werden, um den Preis rückwirkend zu drücken. Hotel zu laut, Essen zu schlecht, Akropolis zu voll, Zoll zu streng. Menschen, die sich über nichts beklagen, sind meistens Camper. Sie lieben es, den ganzen Urlaub über Missstände zu beheben. Ameisen in der Butter, Holländer im Bett, Reifen platt. Das sind Aufgaben, die den Zeltlageristen zu Höchstleistungen anspornen. Vati schläft nie, jedenfalls nicht solange er nachts mit dem Esslöffel einen Graben um die Parzelle ausheben muss, damit nicht alles vollläuft. Die klamme Socke gehört ebenso zur Paradeuniform des Campingfreundes wie atmungsaktive Textilien und Kopfbedeckungen, für die man sonst im Alltag fristlos entlassen würde.
Für mich ist das nichts. Ich möchte nicht ständig über Dinge reden, die man irgendwie bewältigen muss. Ich möchte nichts zusammenklappen, nichts rumtragen und nichts aufpumpen. Unser Sohn Nick hat mich darüber aufgeklärt, dass man diese Vorzüge genießen kann, wenn man sich für Glamping entscheidet, also für die Luxus-Variante des Camping. Das mag schon sein, aber selbst in trockenen Socken möchte ich niemandem dabei zusehen, wie er sein Chemoklo reinigt. Außerdem würde ich nie mit Nick auf einen Campingplatz fahren, weil er ständig was zu meckern hat.
Gerade eben hat er bei mir den Kauf eines Brotes reklamiert, weil es ein großes Loch aufwies. Stimmt schon: Der italienische Bäcker ist, was die Herstellung von Brot angeht, nicht unbedingt von Ehrgeiz zerfressen. Es ist sehr schwer, in diesem Land ein Brot zu finden, das aufregender schmeckt als eine polnische Weihnachtshostie. Wenn man fündig wird und ein recht leckeres apulisches Weißbrot auftreibt, sollte man das riesige Loch im Inneren der Backware demütig akzeptieren und nicht herumnörgeln.
Insofern habe ich durchaus etwas mit Campingmenschen gemein: Ich finde mich mit den Gegebenheiten ab, die ich vorfinde. Ein Beispiel: Seit wir wissen, dass hinten im Garten bei der Mauer eine Viper wohnt, gehen wir nicht mehr hinten in den Garten. Wir benutzen nur noch ungefähr zwanzig Prozent des gemieteten Grundes, aber wir sind uns näher. Und bevor wir in den Pool gehen, machen wir Lärm, weil ich gelesen habe, dass die Viper dann abhaut. Möchte jemand ins Wasser, scheppern wir erst mit Töpfen und Pfannen. Dies geschieht mehrmals am Tag und die italienischen Nachbarn finden uns ziemlich interessant, glaube ich.
Ich finde auch okay, dass das W-LAN wackelig und ständig vom Aussetzen bedroht ist. Im Gegensatz zu den Kindern genieße ich dies, weil ich dann weniger Unsinn von Zuhause mitkriege. Zum Beispiel Tweets der karpfenösen Beatrix von Storch. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es tatsächlich Menschen wie sie gibt, die zu nichts Anderem als Bosheit und Häme imstande sind. Solche Figuren gibt es ja eigentlich nur in Märchen.
Das Sommer-Interview ihres Kollegen Gauland hingegen erreichte mich in voller Länge und man könnte die Ahnungslosigkeit des gruseligen Granden ja durchaus sympathisch finden, wenn er nicht im Bundestag säße. Dort bildet ein zumindest basales Interesse an politischen Vorgängen und gesellschaftlichen Themen eigentlich so etwas wie eine Arbeitsgrundlage. Ich sah es, ärgerte mich darüber, zog den Router aus der Wand und versteckte ihn in der Nähe der Viper. Da traut sich niemand hin. Problem gelöst. Endlich Ruhe. Herrliche Ferienzeit!