Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kinokartenverlierer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.09.2018

594_Spieltheorie

Meistens bin ich mir nicht darüber im Klaren, was um mich herum geschieht. Beispiel: Ich mache mir nicht recht klar, dass ich gerade mit 108 000 Kilometern pro Stunde durchs Weltall sause. So schnell ist die Erde unterwegs. Und dabei dreht sie sich auch noch. Es ist ein großes Wunder, über das man im Alltag viel zu wenig nachdenkt. Genau genommen denke ich nie darüber nach. Liegt wahrscheinlich an der Schwerkraft.
Wenn man sich aber doch einmal einen Begriff davon macht, wie unwahrscheinlich unsere ganze Existenz im Grunde ist, kommen einem die Sonderbarkeiten des Lebens noch skurriler vor. Da haben wir es also zum Beispiel geschafft, vom Wasser an Land zu kommen und einige Millionen Jahre später manifestiert sich das Menschsein im Auftritt eines Hutbürgers, der in eine Kamera schnauzt, man habe ihm soeben ins Gesicht gefilmt und das dürfe man nicht. Das kann ja wohl nicht der Sinn der Evolution gewesen sein!?
Als Außerirdischer würde ich mir jedenfalls gut überlegen, ob ich der Erde einen Besuch abstatte. Es muss hinzugefügt werden, dass unser Planet nicht nur, was seine Bewohner angeht, etwas latent Ungastliches hat. Er ist auch von weiter weg betrachtet kein besonderer Augenschmaus. Entgegen der Darstellung auf Globen dreht sich die Erde nämlich keineswegs elegant um die eigene Achse, im Gegenteil: Die Erde eiert enorm. Und sie ist auch nicht so schön rund, wie man uns immer glauben machen möchte. Die Erde sieht in Wahrheit eher aus wie eine niederrheinische Kartoffel. Insgesamt ein wenig attraktive Haltestelle für interstellar Reisende. Ich würde jedenfalls einen Bogen um den seltsamen Planeten Erde machen.
Dieser ist bevölkert von sieben Milliarden Menschen, zahllosen Tieren mit und ohne Beinen oder Flossen sowie Pflanzen. Außerdem gibt es auf der Erde Berge, Wälder, Wasser, Wüsten, Rosenheim. Und: Playmobil. Neulich stand in der Zeitung, dass es auf der ganzen Welt 3,5 Milliarden Playmobil-Figuren gibt. Klingt viel, ist aber bei genauerer Betrachtung eine eher mickrige Zahl, wenn man bedenkt, dass den Playmobil-Männchen dank maschineller Herstellung die Mühsal der Fortpflanzung erspart bleibt.
Nachdem es überhaupt schon ein Wunder ist, dass die Erde ohne auseinanderzufliegen im All herumsaust, erscheint es nicht vollkommen abwegig, dass die Playmobil-Männchen eines Tages zum Leben erwachen. Sie bräuchten dann einen eigenen Staat. Man könnte ihnen Baden-Württemberg zur Verfügung stellen. Dieses Bundesland ist 33750 Quadratkilometer groß und bietet einem Playmobil-Staat alle Optionen zur freien Entfaltung im Rahmen seiner durch den Katalog begrenzten Möglichkeiten. Für die unzähligen Playmobil-Burgen stünden ausreichende Flächen im Schwarzwald zur Verfügung und die Piratenschiffe und Segelboote dürften genug Platz im Titisee haben.
Gut. Man müsste akzeptieren, dass in einem Playmobil-Württemberg gemessen am Bedarf entschieden zu viele Krankenhäuser, Flughäfen Saloons und Bauernhöfe stünden. Aber davon abgesehen wäre dieses Land ein regelrechter Musterstaat. Es gäbe dort überdurchschnittlich viele Krankenschwestern, Polizisten, Bauarbeiter und Ritter. Alle Menschen würden immer lächeln. Schwerter wären stumpf, Gewehre nicht geladen und die Autos führen mit geheimer Kraft. Es wäre ein friedlicher Staat, in dem jeder Salat einen Henkel hätte und die Bewohner nach Lust und Laune die Frisuren untereinander tauschen könnten. Eigentlich ein Idyll. Hoffentlich kommt nie jemand auf die Idee, das Spielset „Pegida-Demo“ zu entwickeln.