Jan Weiler: Autor, Kolumnist, EU-Kommissar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.09.2018

595_Schmerz und Freude

Das italienische Örtchen Norcia ist weltbekannt für seine Wurst, seine Linsen und seine Erdbebenschäden. Meine Kinder sind weltbekannt dafür, auch in den Ferien das Handy immer in der Hand zu haben, um mit Freunden Videos zu tauschen, in denen andere junge Menschen den albernen Lachs machen. Wenn Sie wissen möchten, was der letzte Satz zu bedeuten hat, googeln sie selber. Es ist lustig, das muss ich zugeben. Dennoch ging mir der Handy-Konsum von Carla und Nick irgendwann in diesem Urlaub auf die Nerven.
Man musste ihnen schon etwas sehr, sehr Großes bieten, damit sie ihre Fingerchen wenigstens mal für ein Stündchen von Instagram und WhattsApp lassen würden. Ich besann mich darauf, dass es nichts überwältigerendes gibt als die Natur und wir fuhren Richtung Norcia, in den Nationalpark der sibillinischen Berge. Die Reise dorthin führte durch teilweise zerstörte Dörfer. Seit zwei Jahren leben die Einwohner des wunderschönen Ortes Visso und anderen Gemeinden in Notunterkünften, weil ihre Häuser teilweise oder ganz eingestürzt sind. Man kann sich nichts Schöneres und nicht Grausameres vorstellen als diese Gegend.
Wir stiegen schließlich in der Nähe von Casteluccio aus und fühlten die Erhabenheit der Berge und den Schmerz seiner Bewohner, beides liegt dort ganz nahe beieinander. Niemand, der dort war, kann sich dieser Natur und ihrer Gewalt entziehen. Wir blieben eine Weile, aßen in Norcia ein paar Nudeln und fuhren wieder zurück. Nick und Carla ließen die Telefone in den Taschen, sie dachten gar nicht daran, Filmchen von pupsenden Models zu gucken oder Carpool-Karaoke mit Ariana Grande. Es war vielleicht der beste Moment des Urlaubs.
Erst nach einer Stunde Fahrt fanden sie halbwegs zu alter Form zurück und wir spielten das gute alte Auto-Spiel „Personen raten“. Ich liebe das. Man denkt sich eine Figur aus und die anderen müssen herausfinden, wer man ist. Da wir dieses Spiel schon sehr, sehr oft gespielt haben, wird es immer schwerer. Meine beste jemals verwendete und nicht erratene Gestalt war übrigens „Der kleine Hunger“ aus der Milchreis-Werbung. Es war einer meiner wenigen Triumphe in diesem Spiel. Nicks Personen sind noch schwerer herauszufinden. Ungefähr bei Perugia verkörperte er eine männliche Trickfilmfigur. Und zwar eine unsichtbare. Es handelte sich nach zwanzigminütiger Raterei um den Muffin’Man aus dem Film „Shrek“. Der Muffin’Man ist deshalb unsichtbar, weil im ersten Teil der Reihe nur von ihm gesprochen wird. Erst in der zweiten Folge ist er auch zu sehen.
Das ist ein Quiz-Niveau, auf dem ich nicht mehr mithalten kann. Carlas Figur hingegen war schnell enträtselt. Eigentlich. Man kam nach wenigen Fragen auf Micky Maus. Carla bestritt jedoch vehement, Micky Maus zu sein. Also wurde weitergerätselt. Ständig lief es auf Micky Maus heraus, und sie behauptete, keineswegs Micky Maus zu sein. Schließlich gaben wir auf und sie erklärte, dass sie Topolino sei. Das ist aber einfach nur der italienische Name der Micky Maus. Ich disqualifizierte sie wegen Unsportlichkeit, woraufhin ich selber disqualifiziert wurde wegen Altseins.
Später am Abend fragte ich Nick, ob er Bilder von sich vor der Kulisse des eingestürzten Ortes Casteluccio bei Instagram gepostet habe. Und er antwortete: „Manche Bilder postet man nicht. Das gehört sich nicht.“ Dann zeigte er mir einen Film, in dem ein junger Mann wie ein alberner Lachs in eine Hecke sprang. Und ich verstand etwas darüber, wie die Kinder mit dem Internet umgehen.