Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nutella-Lobbyist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.09.2018

596_News from the World

Wir Menschen mögen es grundsätzlich nicht so gerne, wenn wir etwas Neues an uns entdecken. Korrigiere: Wir Menschen über zwanzig mögen das nicht so gerne. Im Alter darunter werden Neuigkeiten über körperliche oder geistige Veränderungen oft noch mit Neugier und Wohlwollen aufgenommen. Aha, da ist ein neuer Pickel. Guck mal, da sind jetzt Haare. Oder: Hoppla, ich wusste gar nicht, dass ich so viel vertrage. Derartige überraschende Aktualisierungen von menschlicher Soft– oder Hardware versetzen Jugendliche in Verzückung und bieten Anlass für ausgiebige Instagram-Dokumentationen, mit denen umgehend das weltweite Netz verstopft wird.
Später im Leben verändert sich die Selbstwahrnehmung dramatisch. Wenn ich irgendwo an mir neue Haare finde, wälze ich mich vor Grausen auf dem Badezimmerteppich. Auch stelle ich fest, dass ich tatsächlich immer weniger Alkohol vertrage und Pickel tauchen in Körpergegenden auf, in denen ich Pickel niemals vermutet hätte. Mit anderen Worten: Ich stehe Neuigkeiten in Bezug auf meine Person eher ablehnend gegenüber. Irgendwann kennt man sich selbst ganz gut und dann reicht es auch. Wenn man diese Einstellung ernsthaft lebt, darf man allerdings nicht auf die Website der Deutschen Nationalbibliothek gehen. Dort war ich bis gestern noch nie, aber irgendein Link hat mich dort abgesetzt.
Man kommt aus dem Staunen nicht heraus. In der Deutschen Nationalbibliothek wird alles gesammelt, was in Deutschland veröffentlicht wird. Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, Websites. Alles. Und ohne Ansehen der Verfasser. Es lagert dort also auch das Gesamtwerk von Thilo Sarrazin gleichberechtigt neben der Micky Maus und dem mammographischen Periodikum „Praline“. Fast 35 Millionen Schriftstücke werden in Leipzig und Frankfurt am Main aufbewahrt und können dort entliehen werden. Darunter ist auch alles, was ich jemals geschrieben oder auf eine CD gesprochen habe. Mein Gesamtwerk bildet sozusagen ein Molekül im großen Papiermeer der Nationalbibliothek.
Daran ist noch nichts bemerkenswert, aber auf der letzten Seite meines Werkverzeichnisses befindet sich eine Spalte, in der meine weiteren Namen stehen. Und dass ich noch andere Namen habe als jenen, mit dem ich mich seit fünfzig Jahren vorstelle, das wusste ich bisher nicht. Meine weiteren Namen lauten: Yang-Huaile, Yan Bai il Leo sowie Paillô, Yan und sind jeweils in mehreren Schreibweisen vorhanden. Am besten gefällt mir Yang Huaile. Vielleicht gibt es ja in China tatsächlich jemanden, der genau so heißt. Ich würde mich dann gerne mal kennenlernen. Wie der wohl aussieht, dieser Yang Huaile? Wahrscheinlich ist er Chinese, trägt eine Brille und sieht mir irgendwie ähnlich.
Man könnte dann gelegentlich ein Treffen organisieren, an dem auch Yan Bai il Leo und Paillô, Yan teilnehmen. Und meine anderen Identitäten, von denen bisher weder ich noch die Deutsche Nationalbibliothek etwas wissen. Da wäre mein polnisches Alter Ego Janosch Weilewski. Der Franzose Jean Weilère und der Argentinier Juan Baila sowie der Australier Jon Weller. Man könnte ein großes Büro mieten und endlich würde mir die unendliche Last der einmaligen Existenz etwas gemildert.
Gerade noch mal bei der Deutschen Nationalbibliothek gewesen und geguckt: Thilo Sarrazin hat ebenfalls internationale Wiedergänger, von denen er genau wie ich vielleicht noch gar nichts wusste. Die Herren heißen Tilo Sarracin und Tilo Saracin. Wer weiß, vielleicht sind das ja Muslime. Diese Vorstellung bereitet mir gerade richtig gute Laune.