Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Yeti … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 28.09.2018

597_Schleierhafte Fahndung

Meine erste Begegnung mit der Polizei fand 1983 statt , da war ich 15 Jahre alt. Bei einer Demonstration gegen den damaligen US-Vizepräsidenten George Bush in Krefeld sah ich einem Zug Polizisten zu, der in einer geschlossenen Reihe die Straße herauflief. Alle Demonstranten stellten sich an eine Hauswand, um die Beamten nicht zu behindern. Und im Vorbeilaufen versetzte mir der ganz außen trabende Polizist einen Schlag mit seinem Schild. Einfach so. Patsch. Ich schlug mit dem Hinterkopf an die Fassade. Erst wollte ich den anzeigen. Aber letztlich habe ich es gelassen. Ich dachte, es führt ja zu nichts.
Und nun, genau 35 Jahre später, höre ich eine Geschichte über einen 15jährigen, der im Nachtzug von Orvieto nach München seit zwölf Stunden unterwegs ist und bei Rosenheim kontrolliert wird. Zwei Beamte klopfen an die Tür des Schlafwagenabteils und rufen „Polizei, aufmachen“. Er öffnet und zeigt seinen Ausweis. Dann muss er seinen Rucksack ausräumen, der ebenso untersucht wird wie die Unterseite der Matratze. Der Junge wird abgetastet und schließlich muss er die Unterhose runterlassen. Und zwar ohne jeden Grund. Das ist erst einmal illegal, selbst nach den Maßstäben des neuen bayerischen Polizeigesetzes.
Die Rechtsgrundlage für die Untersuchung ergibt sich aus drei häufig verwendeten Artikeln des Polizeiaufgabengesetzes, die übersetzt lauten, dass die Männer in Grenznähe jeden Reisenden kontrollieren dürfen – wenn auch nicht unbedingt im Intimbereich. Das darf nur geschehen, wenn es Tatsachen gibt, die einen Anfangsverdacht rechtfertigen. Eine Tatsache ist, wenn ein Haufen Kokain auf dem Fensterbrett liegt oder wenn dem Kontrollierten eine Nadel im Arm steckt. Im Abteil des kooperativen Jungen deutet rein gar nichts auf Drogen hin. Die Polizisten sehen sich trotzdem in seiner Unterhose um, dann darf er sie wieder hochziehen und die Herren verabschieden sich nach erfolgloser Inspektion.
Ich finde das einen Skandal. Eine Woche lang telefoniere ich mit diversen Dienststellen, um herauszufinden, welche Sorte Polizei Kinder dazu zwingt, sich in der Öffentlichkeit vor ihnen auszuziehen. Schließlich stellt sich heraus, dass es sich um Angehörige der gerade in Piding installierten Grenzpolizei gehandelt hat. Ich erhalte eine Stellungnahme zu dem Vorfall, in dem es heißt, man habe, was Drogen angeht, in der letzten Zeit Verstöße mit „erheblichen Sicherstellungsmengen“ erlebt. Um die zu suchen, gucken sie einem Kind in die Unterhose?
Das ist so abstrus wie die Unterstellung, die Schleierfahnder sähen sich halt gerne nackte junge Männer an und hätten ein kleines Abgrenzungsproblem, was ihre dienstlichen Aufgaben betrifft. Oder sie hätten Langeweile, ausgelöst durch ausbleibende illegale Grenzübertritte. Oder sie hätten Bock, einen Fünfzehnjährigen einzuschüchtern. So etwas könnte ich zwar behaupten, aber nicht beweisen.
Genau dasselbe gilt auch für den Anfangsverdacht der Polizisten, von dem der Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern-Süd in seiner Stellungnahme schreibt. Er fabuliert, die Beamten hätten im Abteil „einen Marihuana ähnlichen Geruch“ (sic) festgestellt. Was auch immer diese wolkige Formulierung bedeuten soll, sie ist, berichtet mir ein erfahrener Münchner Strafverteidiger, ein Polizei-Klassiker, wenn es darum geht, derartige Vergehen zu rechtfertigen. Darum handelt es sich zweifellos, denn die Ursache des angeblichen Geruchs kann dann trotz gründlichster Suche nicht gefunden werden. Nichts im Rucksack, nichts unter der Matratze, nichts in der Unterhose. Nichts riecht auch nur im Entferntesten nach Gras. Es war eine demütigende und rechtswidrige Kontrolle, und dieser nebulöse Verdacht offensichtlich eine Ausrede, um die schikanöse Behandlung des Jungen zu rechtfertigen.
Ob man nun Strafanzeige erstatten soll? Eine Dienstaufsichtsbeschwerde in Gang setzen? Hinfahren und rumbrüllen, was denen einfällt, einen Minderjährigen zu drangsalieren? Oder ob man es nicht wenigstens hier erzählen soll? Das ist das Mindeste. Die Polizei muss sich nicht wundern, wenn junge Menschen sie nicht mehr als Autorität akzeptieren. Sie trägt durch solche Auftritte einiges dazu bei. Ich habe den Fünfzehnjährigen gefragt, ob wir Anzeige erstatten sollen. Er ist mein Sohn. Er hat gesagt, ich solle es lassen. Es führe ja zu nichts.