Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Fichten-Moped … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 01.10.2018

599_Dinner mit Spinner

Neulich kam Sara vom Yoga und erzählte ganz begeistert von Birgit. Sie hatten sich während der Erleuchtungs-Turnstunde angefreundet. Wobei mir nicht ganz klar ist, wie man sich mit jemandem anfreunden kann, während man gleichzeitig den erwachenden Elch macht. Oder den Feuerlöscher. Oder den Zitteraal. Sara teilte mit, Birgit sei besonders und eine Bereicherung und im Übrigen seien wir bei ihr und ihrem Mann Rainer am Freitag eingeladen. Ich bekam sofort Panik. Neue Leute. Damit kann ich nur ganz schlecht umgehen.
Mein Bedarf an Freunden ist nämlich gedeckt. Das klingt herzloser, als ich es meine. Sicher gibt es weltweit eine große Zahl an Menschen, welche kennenzulernen sich bestimmt lohnt. Und vielleicht sind viele darunter, die perfekt zu mir passen würden. Aber: Ich vergesse bereits die meisten Geburtstage, ich melde mich bei Wenigen, vernachlässige Viele und kann auch nur eine begrenzte Zahl an Verabredungen treffen und einhalten. Kurz gesagt: Ich bin ein sehr durchschnittlicher Freund. Sara ist in diesem Punkt ganz anders als ich. Sie lernt in Windeseile neue Leute kennen. Wenn man sie mit dem Fallschirm über Bolivien abwerfen würde, hätte sie zwanzig Minuten später sozialen Anschluss in mindestens drei Familien und wäre Schatzmeisterin des Kulturvereins der nächstliegenden Gemeinde. Ich hingegen stünde mit halboffenem Mund an der Straße und würde selbst von Stechmücken ignoriert. Das ist der große Unterschied zwischen Sara und mir.
Ich suchte nach einer Ausrede, aber Sara teilte mit, sie habe bereits in meinem Kalender nachgesehen und da stünde nur eine Zahnreinigung am Vormittag drin. Ich sagte, das neue Forschungen ergeben hätten, dass man am Tage der Zahnreinigung abends nichts essen darf, aber ich konnte diese Behauptung nicht durch eine valide Quelle belegen. Sara fällt auf Fake News einfach nicht herein. Also fügte ich mich in mein Schicksal und wir fuhren gegen 19:30 in den Nachbarort, um Birgit und Rainer zu besuchen.
Wir betraten ein komplett gefliestes Heim. Wohnräume, die man kärchern kann, beunruhigen mich, ich weiß auch nicht genau warum. Aber das Essen war gut und Rainer stellte sich als großzügiger Gastgeber mit einem sehr guten Weingeschmack heraus. Etwa in der Mitte des Abends kamen wir auf Politik zu sprechen. Das ist nicht unnormal und macht nichts, solange man sich in seiner eigenen Filterblase aufhält. Rainer hingegen schien einer anderen gesellschaftlichen Gruppe anzugehören als ich. Zunächst sprach er immer von „der Merkel“. Und davon, dass wir eine ganz andere Regierung bräuchten. Er schien auszutesten, wie weit er gehen konnte. Schließlich schob er sich ein Stück Braten in den Mund und erklärte, man müsse die guten Stücke schnell verzehren, denn sonst „fressen uns die Migranten alles weg.“
Sara reagierte mit einer Ganzkörperstarre und auch ich war für einen Moment gelähmt. Dann setzte er hinzu: „Die Flüchtlinge sind unser Untergang, wir müssen endlich lernen, uns zu wehren, notfalls mit der Waffe.“ Für einen Augenblick erwog ich, ihm meine Serviette ins Gesicht zu werfen und wütend aufzuspringen. Rainer zwinkerte lustig mit dem rechten Auge und sagte dann, dass er froh sein, dass es Kalb zum Abendessen gebe und nicht Fisch aus dem Mittelmeer, denn der sei ja inzwischen verseucht.
Das war der Moment, als Sara mir den berühmten „komm-wir-gehen-Blick“ zuwarf. Zu gehen ist eine Möglichkeit. Die zweite besteht darin, den Gastgeber unverzüglich mit Kalb, Gemüse und Rotwein zu dekorieren und ihn anzuschreien, ob er noch ganz bei Trost sei. Ich entschied mich für Variante drei: Wenn einer schlimm ist, dann muss man manchmal noch schlimmer sein, um ihm das zu zeigen. Also legte ich die Gabel auf den Teller und rief: „Völlig richtig! Erst verseuchen sie unseren Fisch, dann unser ganzes Land. Und wer ist schuld? Die Merkel! Ich sage: Fluchtursachen bekämpfen, also ein, zwei Atombomben auf Nordafrika und der Spuk ist sofort vorbei.
Vier Tage später kam Sara vom Yoga. Die Freundschaft zu Birgit sei beendet, erklärte sie mir. Birgit habe zu ihr gesagt, man könne sich nicht noch einmal treffen. Rainer sei der Meinung, wir seien ihm einfach zu rechts. Uff. Glück gehabt.