Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 26.10.2018

600_À la longue im Labor

Im Rahmen seiner niemals beendeten Forschungsarbeit beschäftigt sich das Pubertierlabor heute mit faszinierenden Ernährungsfragen. Es ist schon erstaunlich, wozu ein männliches Pubertier fähig ist, wenn man es in Ruhe lässt. Es verstoffwechselt dann Dinge, von denen der Versuchsleiter bis dahin gar nicht dachte, dass man sie überhaupt essen könnte, zum Beispiel Currywurst, die in der Mikrowelle zubereitet wird. Oder getrocknete Fleischfetzen, die nach Tiergeschäft riechen und wahrscheinlich bei der Hundefutterproduktion als ungenießbar übrig bleiben. Oder ein Getränk aus einer Dose, die aussieht wie ein tschechischer Mofa-Auspuff.
Die monokulturelle Zufuhr von Zucker, Fett und Farbstoffen findet im Wesentlichen im Pubertierlabor statt. Außerhalb der Grenzen des Labors ist das Pubertier durchaus einer abwechslungsreichen und ausgewogenen Kost zugeneigt. Verbringt es beispielsweise einige Tage bei seinen Großeltern, nimmt es sowohl Gemüse als auch Tee und Obst zu sich, ohne zu murren oder gar die Nahrungsaufnahme zu verweigern. Mehr noch: Es gehen nach diesen Besuchen Berichte beim Versuchsleiter ein, denen zufolge das Pubertier ein sehr interessierter Esser, ein geradezu engagierter Feinschmecker sei.
Auch Eltern seiner Freunde berichten, das Pubertier Nick habe bei ihnen Broccoli und Leber gegessen und dies nicht nur überlebt, sondern dabei auch Wohlgefallen geäußert. Kaum ist Nick jedoch wieder zurück im Labor, verspeist er nach maulfauler Begrüßung einen Schokoladenpudding sowie eine halbe Tüte saure Apfelringe, in denen sich nicht ein einziges Apfel-Atom befindet, sondern Glukosesirup, Gelatine, Citronensäure, Milchsäure, Säureregulator, Niacin, Panthotensäure und Spirulinakonzentrat, was so klingt, als sei es von Daniel Düsentrieb in Entenhausen erfunden worden. In Apfel hingegen ist im wesentlichen Apfel drin. Die Versuche, das Versuchsobjekt von einem geschälten und in Scheiben geschnittenen frischen Apfel zu überzeugen, erweisen sich als buchstäblich fruchtlos, da der Apfel nach Ansicht des Pubertiers einfach nicht genug nach Apfel schmecke.
Ernährungshinweisen ist das Pubertier ohnehin leidenschaftlich abhold, was jedoch eigentlich für alle Arten von Ratschlägen gilt, wie zum Beispiel dem Tipp, man solle sich auch zwischen den Zehen abtrocknen, sonst bekommt man nämlich à la longue Fußpilz. Die Reaktion des Pubertiers auf diesen lebensverbessernden Hinweis besteht in der Äußerung, die Sache mit dem Fußpilz sei ein Erziehungsmärchen aus der Kindheit des Versuchsleiters, es sei ungefähr zweihundert Jahre alt und totaler Quatsch. Und „à la longue“ sei peinliche Blödsinnssprache für alte Leute, ich solle doch einfach gleich sagen, was „à la longue“ bedeutet, nämlich: „am großen Zeh“. Das könne ja wohl nicht so schwer sein.
Dann bereitet sich das Pubertier mehrere Toasts mit Feigenmarmelade zu. Es hat in den vergangenen zwei Wochen neun Gläser Feigenmarmelade verspeist. Im Frühjahr war Nick noch auf Honig, im Sommer wechselte er zu Pflaumenmus, nun also Feigenmarmelade. Der Versuchsleiter notiert die Anzahl der Scheiben (sieben) und ärgert sich darüber, dass das Pubertier die halbe Anrichte versaut und das schöne Messer mit dem Griff aus Ahornholz einfach achtlos in die Spüle geworfen hat. Es ist das Lieblingsmesser des Versuchsleiters. Er ist fünfzig, er darf Lieblingsmesser haben. Mit fünf hatte er einen Lieblingslöffel, mit fünfzig eben ein Lieblingsmesser. Was ist schon dabei. Jedenfalls wird es nicht gut behandelt.
Darauf angesprochen entgegnet das Pubertier, es sei doch bloß ein blödes Messer. Niemand sei gestorben und wenn das die einzige Sorge des Versuchsleiters sei, dann sei ja alles gut. Diese ignorante Frechheit führt zu einem Strich auf der Liste des Versuchsleiters. Eines Tages ist die Strichliste voll und dann wird das Versuchsobjekt enterbt. Eines Tages. Irgendwann.
Später am Abend zeigt das Pubertier Nick seinen rechten Fuß. À la Longue, also am großen Zeh, ist irgendwas. Sieht aus wie Fußpilz. Der Versuchsleiter fragt das Pubertier, ob es sich vorstellen könne, woher das komme. Darauf erklärt Nick: „Keine Ahnung. Vielleicht die Feigenmarmelade. Ab Morgen esse ich nur noch Gouda.“ Der Versuchsleiter liebt adoleszente Logik und macht sich Notizen.