Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nutella-Lobbyist … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 26.10.2018

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Nun soll ich also Schuld daran sein, dass die CSU nicht mehr zieht. So lautet jedenfalls der Befund von Edmund Stoiber. Der Wortspiel-Comedian und Ex-Ministerpräsident von Bayern hat vor ein paar Tagen verkündet, dass die vielen aus anderen Teilen Deutschlands Zugezogenen nicht die erforderliche Bindung zur CSU hätten. Mir scheint, dass er mit CSU eigentlich Bayern meint. In seiner Vorstellung ist man dort offenbar erst dann richtig angekommen, wenn man das Kreuz bei seiner Partei macht. Es handelt sich demnach um einen lokalpatriotischen Akt, den man von den Einwohnern erwarten kann.
Und da ist in der Tat bei mir nicht viel zu holen. Ich lebe bereits über die Hälfte meines Lebens in Bayern, doch die nötige CSUigkeit ist nie in mich eingesickert. Aber ich trage auch keine Lederhosen, weil ich finde, dass die meisten Männer darin aussehen wie riesengroße Säuglinge. Vielleicht stimmt mit mir was nicht oder ich bin beim Überschreiten der Grenze irgendwie kaputtgegangen. Oder, um mal einen ganz verrückten Gedanken rauszuhauen: Vielleicht hat sich diese Partei nicht so recht um mich bemüht. Möglicherweise finde ich ja dieses Polizeiaufgabengesetz skandalös, die Versäumnisse beim Breitbandausbau peinlich und den Spruch mit den Asyltouristen eines Landesvaters nicht würdig.
Gut. An dem Wort trägt Stoiber keine Schuld, aber er hat auch seinen Teil dazu beigetragen, dass ich nie zu einem begeisterten CSU-Wähler geworden bin. Ich bin Stoiber früher häufig auf der Straße begegnet. Dann donnerte er mit seinen Begleitfahrzeugen von Wolfratshausen in die Münchner Innenstadt und ließ seinen Konvoi auf der Autobahn alles auf die Seite drängeln, was ihn aufhielt. Ich denke, dass unter den Pendlern, die er da auf Gutsherrenart nach links und rechts scheuchte, ziemlich viele gebürtige Hessen, Westfalen oder Holsteiner waren, die sich gedacht haben: „Nö, den wähl’ ich man nicht.“
Einmal sind wir uns auch persönlich begegnet. In einer Klinik. Sara und ich warteten dort mit Carla auf einen Termin. Sie war noch klein, saß auf dem Flur und spielte. Von weitem kam der Ministerpräsident mit Personenschützern schnellen Schrittes durch den Gang. Sie liefen direkt auf uns zu. Im letzten Moment nahm Sara unsere Tochter aus dem Weg, denn es schien, als würden die Herren sonst einfach über sie drüber trampeln. Es war richtig unangenehm. Wenige Augenblicke später kam zufälligerweise Peter Maffay ebenfalls den Gang herunter. Carla spielte wieder. Als er bei unserer Tochter angelangt war, hielt Maffay kurz an und knatterte im Original-Maffay-Sound: „Und Du spielst hier schön. Hallo.“ Dann ging er weiter. Wäre Peter Maffay bei der CSU, ich würde ihn vielleicht wählen. Trotz der Musik. Darüber sollten Söder und Stoiber einmal nachdenken.
Machen sie aber nicht. Söder hat sich neulich als eine Art Raumfahrt-Pionier inszeniert und stand vor einem Logo, das ihn dort zeigte, wo die CSU gerne sein will und in Wahrheit schon lange ist, nämlich hinterm Mond. Ich kann jeden ihrer Stammwähler vom Land verstehen, der sich darüber ärgert, dass die angeblich heimatverbundene CSU nichts gegen das Bienensterben unternimmt, aber wolkige Raumfahrtpläne verkündet. Doch womöglich hat Edmund Stoiber trotzdem Recht: Die Zugezogenen sind an Allem schuld. Zum Beispiel auch an den Staus in der Münchner Innenstadt. Denn ohne die vielen Fremden wären ja viel weniger Autos unterwegs, logisch. Wenn nur gebürtige Bayern durch München führen, könnte man auf dem Mittleren Ring Seilchen springen und Ziegen hüten.
Ich habe jetzt einen Vorschlag gelesen, um die Anzahl von Diesel-PKW in den Städten zu verringern. In jedem Auto, dass nach München fährt, sollten wenigstens zwei Personen sitzen. Hervorragende Idee, aber wer kann und will nachprüfen, ob der Beifahrer freiwillig im Auto sitzt? Vielleicht handelt es sich um die Schwiegermutter, die gegen ihren Willen mitfahren muss, damit der Fahrzeughalter in die Stadt einfahren darf. Oder um eine aufblasbare Puppe. Oder um einen Asylbewerber, der sich damit ein Zubrot verdient. Rent a Refugee sozusagen. Und es muss ja kein Flüchtling sein. Ein Kölner oder Bremer erfüllt denselben Zweck und macht sich damit als Ausländer in Bayern endlich mal nützlich.