Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Trompetenkäfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 09.12.2018

603_Die steile Brücke zum Bridge

Nachdem ich die Blätter 4789 bis 8651 in Säcke gestopft habe, bringe ich diese hinters Haus. Dort kann ich sie nicht sehen und sie mich auch nicht. Ich hoffe immer, dass die Säcke von selber verschwinden, einfach eines Tages nicht mehr da sind. Abgereist zum großen Laubkongress nach Wiesbaden oder so. Aber das passiert nicht. Jedes Jahr im März, wenn ich an die Gartenstühle muss, stehen die Säcke im Weg und ich bringe sie zum Wertstoffhof.
Jedenfalls bin ich gerade fertig, als Sara aus dem Haus kommt und kundtut, dass ihre Schwester Lorella und Schwager Jürgen im Anmarsch seien. Jürgen ist eine esoterische Heimsuchung, eine menschgewordene Klangschale. Er redet gerne darüber. Ich mag es, wenn ich ihn nicht sehen muss, darin hat er eine gewisse Ähnlichkeit mit Laubsäcken. Ich rufe also, dass ich ganz schnell die Blätter zum Wertstoffhof bringen müsse, doch mein Fluchtweg wird abgeschnitten, denn Lorella und Jürgen brechen bereits durchs Gartentor. Lorella hält sich nicht mit Grußformeln auf und sagt: „Wir spielen jetzt Bridge“.
Meine Kenntnisse über Bridge beschränken sich darauf, dass der Schauspieler Omar Sharif darin sehr gut war. Das reicht nicht für eine Turnierteilnahme. Ich schlage vor, lieber etwas zu spielen, was ich kann. „Schwarzer Peter“ zum Beispiel. Dabei werde ich seit frühester Kindheit hysterisch vor Aufregung. Aber Jürgen findet, dass Bridge meinen Horizont erweitern könne und Sara stimmt zu, als hätte ich das nötig. Die einzige Chance gegen unerwünschte Versuche, mir etwas beizubringen, besteht nun in Obstruktion. Darin bin ich sehr gut. Wenn ich nicht will, kapiere ich nicht einmal wie man ein Butterbrot schmiert.
Ähnlich wie bei so genannten Ermüdungsreden, mit denen parlamentarische Abstimmungen verhindert werden können, stelle ich also einfach so lange dämliche Fragen, bis mein Gegenüber die Lust verliert. Bei Jürgen geht das aber nicht, denn er ist geduldig wie ein Brauereipferd. Außerdem ist Bridge so kompliziert wie tschechisch. Die einzige Steigerung wäre Bridge auf tschechisch. Nach einer Stunde ist immer noch keine einzige Karte verteilt, was auch daran liegt, dass Jürgen und Lorella sich in der Regelkunde nicht recht einig sind.
Schon die Diskussion über die Eröffnung von eins in Unterfarbe lässt Lorellas Gemüt glimmen wie einen Uranbrennstab. Es sei nämlich so, sagt sie, dass Jürgen aktiv werden müsse und in ungestörter Reizung bei den Antworten von zwei Kreuz bis zwei Pik eine von zwei Aktionen zu wählen habe, nämlich entweder Alert oder Sofortauskunft. Ich nicke heftig. Lorella betont, dass eine Sofortauskunft in keiner anderen Situation angesagt, hier jedoch das Mittel der Wahl sei. Jürgen kontert mit der Feststellung, dass Sofortauskünfte nicht in den Turnierregeln des Weltverbandes stünden. Darauf entgegnet Lorella, der verantwortliche Verband könne Verfahren für das Alertieren oder eine andere Art und Weise der Offenlegung von Partnerschaftsvereinbarungen vorschreiben. Das: ist natürlich ein dicker Hund! Und die beiden beginnen einen handfesten Streit. Ich gehe in die Küche und trinke ein Bier. Dann besuche ich Nick. Sein Freund Finn ist auch da und wir spielen zu dritt ein paar Runden Uno, was mir ja immer den Atem raubt. Ich kehre nach eineinhalb Stunden zurück an den Esstisch, wo Lorella und Jürgen das Thema gewechselt haben. Jürgen behauptet, dass Schlemms mit weit unter dreißig F normalerweise nur funktionierten, wenn ein Partner eine Kürze mitbrächte, zu der sein Gegenspieler keine verschwendeten Werte hielte. Das ist sicher wahr und hat für mich eine ähnliche Brisanz wie die Erkenntnis, dass man Seifenreste immer aufheben sollte, denn man weiß nie, ob man nicht mal welche braucht.
Sara und ich schleichen nach nebenan und sehen „Bodyguard“ auf Netflix. Nach drei Folgen werden wir müde und gehen ins Bett. Am nächsten Morgen sind Lorella und Jürgen weg. Die Spielkarten liegen auf dem Boden verstreut. Man konnte sich offenbar bis zuletzt nicht einigen. Eigentlich komisch, denn Bridge hat letztlich simple Grundsätze. Einer lautet: Abwürfe sollten leicht von der Hand gehen. Jegliches Zögern vergibt die Chance den Alleinspieler zu täuschen. Mit anderen Worten: Immer mutig druff. Bridge ist demnach im Grunde auch nichts anderes als „Mensch ärgere Dich nicht“. Bloß halt ohne Würfel.