Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Beinscheibe … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 09.12.2018

604_Kleinbürgertum 3.0

Dieser Spießervorwurf macht mich allmählich müde. Wirklich jetzt. Eben wieder. Carla nannte mich so, weil ich sie daran erinnert habe, dass ihre Grünpflanzen keine Kakteen sind. Man muss ihnen dann und wann Wasser zuführen. Ihr Zimmer ist eine Art Purgatorium für alles, was Blätter hat. Es gibt dort kaum Licht, nie mal so etwas wie ein nettes Wort, geschweige denn einen feuchten Lappen, um den Staub abzuwischen. Wenn ich Carlas Ficus Benjamina wäre, hätte ich mich längst vom Fensterbrett gestürzt. Weil das nicht geht, wirft das Ding seine Blätter ab. Ich stelle mir das vor wie stressbedingten kreisrunden Haarausfall.
Natürlich geht es mich nichts an, was Carla in ihrem Zimmer züchtet oder eingehen lässt. Aber die Pflanzen tun mir leid, so bin ich nun einmal. Dafür muss ich mit Carlas Reaktion leben, die entweder darin besteht, dass sie mich einen Topfpflanzen-Nazi nennt oder einen Birkenfeigen-Taliban oder eben kurz und bündig: „Alter Spießer“. Ich glaube, Spießer ist eine Art Universalbeschimpfung bei uns in Deutschland.
Früher waren die Spießer ja noch die komplett vernagelt Unbeweglichen, die Samstags-Autowäscher, die Kleinbürger in kieselgrau, die Hutträger und Gartenzwergsammler. Doch diese Zuschreibungen haben sich inzwischen stark weiterentwickelt. Inzwischen sind Spießer multipel tätowiert. Sie drehen die Musik auf. Spießer haben zwar immer noch einen engen Horizont, unternehmen aber dennoch Fernreisen. Das ist heute kein Widerspruch mehr. Der zeitgenössische Spießer ist im Grunde überall.
Die Anhänger und Politiker der Grünen galten zum Beispiel vor vierzig Jahren noch als progressiv, inzwischen jedoch sogar als ultra-spießig. Man sagt ihnen nach, dass sie im Grunde fortschrittsfeindlich seien, regelrecht uncool. Man ahnte deshalb schon länger, dass im traditionell eher pantoffeligen München das Wählerpotential der Grünen eigentlich gigantisch sein müsste. Und so zeigte es sich dann auch bei der Landtagswahl. Die Grünen gewannen in mehreren Stimmbezirken der bayerischen Hauptstadt, und zwar in all jenen Gegenden, in denen man inzwischen nicht einmal mehr friedlich seinen vollen Aschenbecher aus dem Fahrerfenster schütten kann, ohne dass gleich eine Demo angemeldet wird.
Das philisterhafte, das an den Grünen klebt, habe ich dann abends selber gesehen, auf der Wahlparty der Partei. Hunderte von Männerfüßen in Sandalen. Teure Sandalen, was es nicht besser macht. Dieser Bekleidungsirrtum wird niemals zur Uniform der zweiten Moderne werden, niemals. Die Frauen drehten durch, als Robert Habeck auf die Bühne trat und man spürte: Es lag entfesselter Sachbearbeiter-Sex in der Luft. Schon auch schlimm. Andererseits: Immerhin Sex. Zwischen der SPD und ihren Wählerinnen und Wählern ist das Feuer der Lust längst völlig erloschen. Da glimmt nix mehr, nicht einmal gnädige Sympathie ist da noch.
Die SPD ist aber auch noch viel spießiger als es die Grünen jemals werden könnten. Man muss nur mal die SPD-Folklore bei einem Ortsvereinstreffen im Ruhrgebiet erlebt haben, dann verwandeln sich die Grünen sofort in die Anarchisten, die sie nie waren. Aber das ist auch wieder ungerecht, denn auch die anderen zur Wahl stehenden Parteien sind nicht sexy und allesamt haben etwas zutiefst spießiges. Die FDP-Anhänger beiderlei Geschlechts mit ihren hochgeschlagenen Polohemdchen-Krägen und Segelturnschuhen sind bloß anders spießig; die CDU hat in den fünfziger Jahren die Spießigkeit erfunden, die CSU hat daraus eine Weltanschauung gemacht und die AfD ist noch dazu reaktionär und geistig schwach.
Tja. Womöglich ist es einfach so, dass wir Deutschen alle im Herzen und in der Seele kleine Spießer sind und das wir also, wenn wir andere so nennen, immer auch ein bisschen uns selber meinen. Das ist eine unangenehme Erkenntnis, zumal für Menschen, die sich selbst für besonders progressiv halten. Carla zum Beispiel goss dann ihre Birkenfeige, putzte sie ab und dünkte sie. Später bekam sie Besuch. Bevor sich die Tür zu ihrem Zimmer für Stunden schloss, hörte ich sie ziemlich autoritär befehlen, man möge bitte die Schuhe ausziehen, sie habe gerade erst sauber gemacht und wolle keinen Dreck in der Bude. So etwas würde ich zu meinen Gästen nie sagen, das wäre mir echt viel zu spießig.