Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Unterwäschemodel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 09.12.2018

605_Die Sprengkraft von Knallfröschen

Natürlich hätte ich das Buch auch verstecken können. Aber erstens habe ich diesen Bildband schon seit Jahren nicht mehr in der Hand gehabt und ihn schlicht vergessen. Und zweitens habe ich doch nicht ahnen können, dass die Mädchen in Nicks Bekanntenkreis derart empfindlich sein könnten. Auf jeden Fall bewies ein erotisches Buch von Tomi Ungerer bei Nicks Party am letzten Wochenende eine sagenhafte Sprengkraft.
Eigentlich begannen die Feierlichkeiten zu Nicks sechzehntem Geburtstag bereits vor drei Wochen, als erste Gästelisten herumgereicht wurden. Es gelang Sara und mir, von den ursprünglich 180 darauf geführten Namen im ersten Schritt 140 zu eliminieren. Als Nick sich bei der notwendigen Streichung von weiteren zehn Personen bockbeinig stellte, kündigte ich an, den ganzen Abend Sauf-Anekdoten von 1983 zu erzählen und Zigarre zu rauchen. Da gab er sich geschlagen und am Ende landeten wir bei dreißig Gästen, was meiner Meinung nach völlig reicht.
Danach wurde zwei Wochen lang über das Buffet diskutiert. Ich bin ja der Nudelsalat-Typ. Gerne mit Gürkchen. Aber mein Sohn und seine Freunde wünschten sich ernsthaft Fingerfood nach Rezepten von Yotam Ottolenghi. Das Wiener Würstchen sowie der Mundhygiene-Klassiker „Mettigel mit Salzstangen“ wird von ihnen in einer Rigorosität abgelehnt, die schon beleidigend ist, wenn man bedenkt, wie viele schöne Abende man einst mit diesen Köstlichkeiten verbracht hat.
Immerhin: Bier hat sich seine Beliebtheit bewahrt. Wir vereinbarten schriftlich zwei Kästen, obwohl ich wusste, dass die Kinder sich nicht daran halten würden, Pacta sunt servanda heißt bei Nick und seinen Kumpels dasselbe wie Pacta sunt uns total schnuppe. Mit Sicherheit würden bartlose Burschen klebrige Alkoholika in unseren Haushalt schmuggeln. Das gehört einfach zum Wesen des Pubertiers, genau wie die fatale Neigung, Getränke nicht richtig zu kühlen. Der lukullische Ehrgeiz, den sie beim Buffet entwickeln, geht ihnen beim Trinken komischerweise völlig ab. Und die Musik ist so scheußlich. Aber das war sie früher auch.
Letzten Samstag war es dann soweit. Bereits gegen 15 Uhr gingen Sara und ich ins Exil. Während wir früher gegen Mitternacht zurückkommen durften, wurden wir diesmal gebeten, erst am Sonntagnachmittag wieder aufzukreuzen. Wir fuhren siebzig Kilometer weit in ein Hotel, dass zwar sagenhafte Zimmerpreise verlangte, aber keine Daunenkissen besaß und behielten dann zwanzig Stunden lang unsere Handys im Auge. Ich rechnete aus, dass wir bei einem größeren Feuerwehreinsatz zumindest noch das Abrücken der Einsatzkräfte mitbekommen würden. Aber die Telefone klingelten nicht und irgendwann fand ich mich damit ab, dass mein Sohn den Abend offenbar unter Kontrolle hatte.
Als wir am nächsten Tag gegen 16 Uhr unser Haus betraten, roch es dort nach Pestilenz und Seuche und mein Schuh klebte am Boden fest. Im Wohnzimmer lag unser blasses Kind auf der Couch und vor ihm stand ein riesiger halbvoller Müllsack. Ja, es sei nett gewesen, nein, kein Nachbar habe sich beschwert, es habe keine alkoholbedingten Ausfälle gegeben, es sei auch nicht getanzt worden. Von anderen Vergnügungen ganz zu Schweigen. Er klang etwas enttäuscht. Ich fragte, was die Stimmung getrübt habe und er zeigte auf das Buch auf dem Tisch. „Erotoscope“ von Tomi Ungerer. Es ist ein derbes, aber lustiges Buch mit sehr originellen Bildern von wollüstigen Fröschen und Menschen.
Ein paar Mädchen hatten das Buch im Regal entdeckt und dann sei eine krasse Sexismus-Debatte losgegangen. Die Mädchen seien durchgedreht und die Jungen seien brutal untergebuttert worden. Und ich sei schuld, weil ich so einen frauenfeindlichen Schund im Regal hätte. Ich murmelte was von Kunstfreiheit, aber eigentlich taten mir mein Sohn und seine Freunde leid. Die armen Jungs. Wehrlos in der Hand des modernen Feminismus. Sara stellte das Buch ins Regal zurück und sagte im unverschämten Triumph-Sound einer zufriedenen Mutter: „Endlich war der Porno-Mist mal für etwas gut.“ Und ich nickte, denn für eine Gegenrede fehlte mir die Kraft. Die Frauen gewinnen und die Jungs sind verwirrt.