Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Maurerbonbon … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 09.12.2018

606_Was ist männlich?

Die Tischgespräche mit unserem Sohn Nick sind häufig sehr ergiebig, was meine Arbeit als Chronist des Lebens betrifft, denn er bereichert mich um Neuigkeiten, die ich niemals für möglich gehalten hätte. Seit letzter Woche weiß ich zum Beispiel, das Albus Dumbledore, der Schulleiter von Hogwarts, homosexuell ist. Das wühlt mich nicht sehr tief auf, aber ich finde es ein interessantes Detail am Rande. Wenn es stimmt. Dessen kann man sich bei Nick nie ganz sicher sein. Vor ein paar Wochen berichtete er, dass Karl Lagerfeld seine Katze geheiratet habe. Ich entgegnete, das sei Blödsinn. Das ginge nirgendwo, nicht einmal in Paris, der Stadt der Liebe. Ich fragte ihn, wo er das herhabe und er sagte, das habe er im Internet gelesen. Darin liegt nun eine gewisse Gefahr. Pubertiere können die postfaktische Unterhaltungsfabrik Internet nicht recht von seriösen Nachrichtenquellen unterscheiden. Mir fällt das ja schon schwer. Wir einigten uns darauf, dass es nicht stimme, dass aber immerhin denkbar sei, dass irgendjemand irgendwo eines Tages seine Katze heirate.
Wir führen aber auch ernsthafte Gespräche. Dann fragt er mich nach meiner Meinung zu Dingen, die ihn beschäftigen. Neulich wollte er von mir wissen, was ich unter echter Männlichkeit verstehe. Ich finde diese Frage ziemlich heikel und schwer zu beantworten. Ich fragte ihn, wie er darauf komme und er berichtete, dass die Mädchen in seiner Klasse darüber gesprochen und dann zum Leidwesen der männlichen Mitschüler festgestellt hätten, dass kein einziger richtiger Mann in der Klasse sei. Das habe ihm zu denken gegeben.
Ich dachte nach. Nun. Äh. Männlichkeit. Man landet sofort im Schwitzkasten der Erklärungsnot, wenn einem nur alte Phrasen und überkommende Rollenbilder einfallen. Bei mir ist das leider so. Es ist schlimm. Männer gehen wie Robert Mitchum, lächeln wie Gregory Peck und schießen wie Clint Eastwood. Himmels willen. Ich war wirklich verunsichert. Wie kann das sein? Ich bin seit über fünfzig Jahren männlich und sämtliche Eigenschaften, die mir in den ersten dreißig Jahren beigebracht, auferlegt und schließlich zugeschrieben wurden, sind inzwischen irgendwie wertlos, albern und alt.
Ich rief Carla hinzu. Sie ist eine moderne Frau von zwanzig Jahren und wenn jemand Männer über die Qualität ihrer Männlichkeit informieren kann, dann sind es Frauen wie sie. Ich fragte Carla, ob sie nicht auch der Meinung sei, dass echte Männlichkeit etwas mit Stärke, Gelassenheit und dem Geruch von Pferdeleder zu tun haben müsse. Sie sah mich an als sei ich eine geplatzte Bratwurst und sagte: „Papa, wie haben 2018. Und nicht 1820.“ Dann goss sie sich ein Glas Weißwein ein und erklärte Nick und mir, was Männlichkeit heute bedeutet.
Ich fasse mal zusammen: Richtige Männer können Entbehrungen ertragen, sie jammern nicht herum, wenn es nichts zu Essen gibt oder keinen Sex. Sie können damit leben, wenn das Konto mal ins Minus rutscht und sie können Beschwerlichkeiten im Alltag mit einem guten Ergebnis meistern, ohne ständig ihre Umgebung an ihre Lebensleistung zu erinnern. Sie müssen nicht unbedingt rasend gut kochen, aber sie können eine Kuchenform buttern und eine Möhre hacken, ohne sich den Daumen zu amputieren. Gute Männer können hingerissen sein und lassen sich von der Schönheit einer Frau wegtragen; aber ohne andauernd darüber zu säfteln, wie großartig sie aussieht. Männer dürfen auch mal Rennen fahren oder sich beim Sport mit Gegnern wie blöde Elche messen. Manchmal sehen sie dabei gut aus. Carla mag es, wenn die Männer wissen, dass das kindisch ist und trotzdem ihren Spaß daran haben. Und im Übrigen ist es absolut willkommen, wenn Männer sich an ein paar der alten Konventionen halten und Türen öffnen und in Jacken helfen. Das wird nicht als patriarchalisch bemängelt, sondern unterscheidet den Knaben vom Mann. Der Mann soll ruhig wissen, dass er einer ist und nicht so tun, als sei er sich selber peinlich. Als letztes fügte Carla hinzu: „Außerdem finde ich es total cool, wie sich Männer das T-Shirt ausziehen.“
Nick grübelte einen Moment. Dann stand er auf, trat einen Schritt zurück und zog sein T-Shirt aus. „Meinst Du so?“ fragte er. Und seine große Schwester sagte: „Genau so. Du bist auf einem guten Weg.“ Seitdem zieht er sich fünf Mal am Tag um. Er übt. Ich liebe es.