Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Wurstwasser … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 09.12.2018

607_Was ist weiblich?

Nachdem in der vergangenen Woche bei uns ausführlich erörtert wurde, was genau das Wort „männlich“ bedeutet, setzten wir die familieninterne Diskussion fort, indem wir vorgestern darüber sprachen, was heutzutage „weiblich“ ist. Sara und Carla erfreuten sich daran, wie Nick und ich um das Thema herumeierten. Ich fühlte mich wie Friedrich Merz sich fühlen muss, wenn er „Mittelstand“ und „Reichtum“ definieren soll.
Nick hielt sich erst weitgehend raus aus der Diskussion. Das liegt daran, dass ihn einige Themen viel stärker verunsichern, als er zugeben will. Und mit diesem Gefühl steht er gesellschaftlich nicht alleine da. Viele Gewissheiten von früher gelten nicht mehr: Die Sommerzeit wird in Frage gestellt. Die deutsche Nationalmannschaft spielt nicht mehr in der ersten Liga mit. Und die deutsche Grammatik gleicht einem sächsischen Swingerclub: Alles kann, nichts muss. Die moderne Welt stellt sich also für einen jungen Mann wie Nick als ein irritierendes Gebilde voller Rätsel dar. Besonders was die Weiblichkeit angeht, steht er vor Aufgaben, die ihn regelmäßig überfordern. Immerhin hat er kapiert, dass für Mädchen andere Gesetze gelten als für Jungen. Bei den Bundesjugendspielen zum Beispiel. Mädchen erhalten für einen zwanzig Meter weiten Wurf mit einem achtzig Gramm schweren Schlagball 280 Punkte. Jungen bekommen für dieselbe Leistung nur 152 Punkte. Das Verwirrende daran ist, dass die Mädchen also zwar mehr vom Wurf haben als die Jungen, sich jedoch für das Werfen von Bällen nicht die Bohne interessieren.
Carla ärgerte ihn damit, dass er keine Ahnung von Frauen habe, was zwar stimmt, aber nicht weiter schlimm ist. Auch die meisten erwachsenen Männer haben keine Ahnung von Frauen, was mich unbedingt einschließt. Wenn Frauen so leicht zu entschlüsseln wären wie ein Zauberwürfel, würde das Interesse an ihnen ähnlich schnell nachlassen. Die Natur war deshalb so geschickt, den Mann im Umgang mit Frauen ständig vor neue Aufgaben zu stellen. Der Schwierigkeitsgrad nimmt dabei eher zu als ab. Beispiel: Man hat also endlich begriffen, dass eine Frau vor Hunger stirbt, wenn sie auf Nachfrage erklärt, dass ja eigentlich noch nicht Essenszeit sei. Man sollte darauf aber nicht zu stolz sein. Denn bloß, weil eine Frau durch geschicktes Fragen eindeutig evaluierten Hunger hat, heißt das noch lange nicht, dass sie auch Alles essen würde. Ein hungriger Typ schlingt runter, was gerade im Angebot ist, eine hungrige Frau fragt auch um drei Uhr nachts an der Imbissbude noch nach, ob zur Currywurst eventuell Kamut-Brot gereicht werden könne.
Sara und Carla lachten diabolisch über diese Unterstellung, räumten jedoch ein, dass sie einen wahren Kern enthielt, dann gab sich Nick einen Ruck und erläuterte, was er weiblich fände. Zusammengefasst ist es dies: Mädchen schreiben ununterbrochen kleine Zettel. Was sie schreiben, bleibt geheim. Überhaupt bleibt zwar alles geheim, aber es wird dauernd darüber geredet. Nur nicht mit Jungs. Mädchen rülpsen sehr leise, wenn überhaupt. Ob sie auch pupsen wisse er nicht, er habe es jedenfalls noch nie gehört. Vielleicht könnten die Mädchen das anatomisch gar nicht und wenn doch, werde er es niemals erfahren. Mädchen haben manchmal ganz plötzlich Lust zu knutschen, was er seltsam fände, weil sie kurz vorher noch erklärt haben, sie wollten bloß Freunde sein. Mädchen trinken Hugo aus der Dose, obwohl jeder weiß, dass Hugo aus der Dose für Menschen untrinkbar sei, aber vielleicht seien Mädchen ja gar keine Menschen, sondern Extrawesen mit Extramägen für Hugo. Dies könne aber auch nicht sein, denn in der Regel übergeben sich die Mädchen, wenn sie Hugo aus der Dose getrunken haben. Jungen hätten Freunde, Mädchen hingegen beste Freundinnen und davon mehrere und diese seien notfalls sehr rasch akquiriert. Das allerweiblichste jedoch, was er beobachtet hat, ist die Tatsache, dass Mädchen zu zweit auf die Toilette gehen. Er habe bisher nicht rausgefunden, was das solle. Es sei vielleicht das größte Geheimnis.
Carla und Sara lächelten ihn an. Dann sagte Carla: „Das, mein Lieber, wird auch für immer so bleiben.“ Dann standen die Beiden auf und gingen demonstrativ gemeinsam ins Bad. Nick und ich blieben schweigsam und dumm am Essenstisch zurück.