Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Basstölpel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 16.12.2018

610_Kellersortiment und Alterssentiment

Es ist ein Irrglaube, dass die Generationenkluft zwischen uns Eltern und den Kindern weniger tief wäre als die Generationen kluft zwischen uns und unseren Eltern. Auf den ersten Blick scheint das so zu sein, denn die Großeltern-Generation der nunmehr 80Jährigen war noch nicht von der Pop-Kultur sozialisiert. Sie trug in ihrer Jugend keine Jeans, sie kaute keine Kaugummis und sie beschäftigte sich nicht mit Bildschirmen. Tatsächlich sind dies aber schon fast die einzigen Gemeinsamkeiten zwischen uns und den Pubertieren. In Wahrheit sind da doch große Unterschiede, die im Moment gerade sehr deutlich werden:
Zum Beispiel haben meine Kinder keine Bindung mehr ans Fernsehen. Sie sehen sich zwar manchmal etwas an, aber nicht auf dem Fernseher, sondern am Laptop. Die Altarfunktion des TV-Heimgerätes, an welchem sich früher um 20 Uhr die Familie zur Verkündung des Weltgeschehens einfand, ist ihnen völlig fremd. Sie haben dafür ein ironisches Lächeln übrig, aber kaum Verständnis. Dasselbe gilt für Autos: Die Tatsache, dass wir in einem Auto-Land leben, und der Zustand der entsprechenden Industrie wirklich wahnsinnig wichtig für uns alle ist, prallt an meinen Kindern ab. Autos sind ihnen egal, und dass man Unsummen für ein Auto ausgibt, und dass dieses Auto danach die meiste Zeit nur rumsteht, finden sie fast so absurd wie die Vorstellung, dass man für Musik aus dem Netz etwas bezahlen sollte.
Ich träumte als Kind davon, einen Lancia-Stratos zu besitzen, und hatte sämtliche Werte meines Sportwagen-Quartetts auswendig drauf. Nick dagegen hat das einzige Autoquartett, das er jemals besessen hat, gestern in den Müll geworfen. Ich war dabei – und ich war entsetzt. Er trennte sich von seinem Quartett im Rahmen einer familienweiten Ausmistungsaktion.
Wir haben vieles entsorgt, denn wir ziehen um. Nach 19 Jahren auf dem Dorf geht es in die Stadt. Ich war der Letzte, der das Landleben noch mochte, die Anderen wollen dorthin wo Menschen, Autos und Dönerbuden sind. Also habe ich mich gefügt. Sara und Carla werden eine Wohngemeinschaft bilden, Nick und ich in der Nachbarschaft wohnen. Ein Experiment. Und dafür musste nun also der ganze Hausrat einmal auf links gedreht werden, weil in den beiden Wohnungen nicht mehr so viel Platz ist wie in der jetzigen, gemeinsamen.
Während ich jeden zerbrochenen Kugelschreiber mit einer kurzen Andacht würdigte – „Dich habe ich in einem Hotel in Pirmasens mitgenommen, mach´s gut, kleiner, hässlicher Kuli!“ – schmissen Carla und Nick gnadenlos weg. Nick präsentierte ein Paar rote Sneaker und rief: „Hehe, für diese hässlichen Teile bin ich über 10 Runden gegangen, mein Gott, sind die scheußlich!“ Ich gab ihm recht, und erinnerte mich daran, dass er mit Selbstentleibung für den Fall gedroht hatte, dass ich sie ihm nicht kaufte. Und nun waren sie ihm völlig egal.
Carla schmiss praktisch ihr ganzes Zimmer weg, sie ist erwachsen und sie hängt an wenig, besonders nicht an CDs und Filmen. Man könne das alles streamen, und sie wolle sich nicht mit zu viel Besitz belasten, teilte sie altklug mit. In meiner Jugend bildeten eine Plattensammlung und eine Stereoanlage sozusagen die Grundlage für eine menschliche Existenz, nun ist das nichts mehr wert. Jetzt reichen eine Blue-Tooth-Box und ein Handy. Mir ist nicht wohl dabei, auch weil ich insgeheim denke, sie machen es richtig. Sie behielten auch nur jeweils eine Kiste mit Büchern und Comics. Ich besitze das Hundertfache davon, und obwohl ich weiß, dass ich kaum ein Buch aus diesem riesigen Fundus noch ein zweites Mal lese, muss ich sie mitnehmen. Und alle Gläser, und alle Bilder. Ich bin „old school“, und will die Gläser und Bilder übrigens nicht mit fremden Leuten aus dem Internet tauschen. Auch wenn ich ahne, dass die Sherry-Gläser weitere zehn Jahre im Schrank rumstehen.
Ich öffnete eine Kiste, die noch vom letzten Umzug ungeöffnet im Keller stand, und zog einen zerrupften Plüsch-Esel hervor. Er heiß Hank. Und hatte keinen Schwanz mehr. Ich zuckte mit den Schultern und warf ihn in einen Müllsack. Da schoss Carla heran und rief: „Wie kannst du nur Hank wegwerfen! Ich habe ihn jahrelang vermisst, und du willst ihn einfach töten!“ Damit zog sie ihn aus dem Müll und drückte ihn fest an sich. Und ich war ganz erleichtert. So ganz unromantisch sind sie doch nicht. Das gibt mir Hoffnung.