Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Reiseleider … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 24.12.2018

611_Literarische Zwangsräumung

Für jemanden, der seinen Lebensunterhalt mit der Veröffentlichung von Büchern bestreitet, ist folgende Äußerung womöglich etwas überraschend, aber ich kann es nicht anders sagen: Es gibt einfach zu viele Bücher auf der Welt. Wobei ich nur sehr wenige Werke tatsächlich persönlich ablehne. Aber warum muss das alles in meiner Wohnung stehen? Warum besitze ich derart viele Bücher? Wahrscheinlich, weil ich der Traum des Buchhändlers bin. Ich kaufe und bestelle und besorge und wünsche mir Bücher zu Weihnachten und zum Geburtstag und wann immer es geht. Und nun habe ich den Buchstabensalat. Mein Umzug besteht nämlich im Wesentlichen darin, Bücherkartons zu öffnen und laut zu stöhnen.
Jeder weitere Karton, den ich öffne, birgt neue niederschmetternde Informationen über meine mangelnde Gabe, Dinge loszulassen. Ich komme mir vor wie der Zauberlehrling. Die Umzugsleute haben jede Kiste beschriftet. Auf dieser hier steht „Bü 38“. Es geht bis „Bü 71“. Das ist ein Problem, denn alle Regale in der neuen Wohnung sind bereits voll mit Bildbänden, Romanen, Comics und Sachbüchern. Hinzu kommt, was ich selber geschrieben habe. Ich besitze allein 2000 Exemplare von „Maria, ihm schmeckt’s nicht“. Ich habe sie mir nicht selber gekauft, um die Auflage hochzutreiben, sondern es handelt sich um Belegexemplare. Pro tausend gedruckte Bücher erhalte ich eines. Das ist vertraglich so vereinbart, führt aber ab einer gewissen Auflagenhöhe zu Platzproblemen. Ich hatte mal daran gedacht, die Dämmung des Hauses, in dem wir damals wohnten, mit meinen Büchern zu verbessern. Oder nach einem Tier zu suchen, das Papier isst und es im Keller zu halten, wo es sich weitgehend von meinen Büchern ernähren kann. Es gibt aber keine Tiere, die sich von Papier ernähren und wenn doch, will man sie nicht im Hause haben. Also hob ich alle meine Belegexemplare auf, denn ich konnte keine Bücher wegwerfen, nicht einmal meine eigenen. Sie zogen zwei Mal um und ich fand größere Abstellmöglichkeiten. Das ist nicht einfach, denn die Papiermenge meiner Bibliothek entspricht in etwa einem Mammutbaum. Bei mir sind seit Jahren überall winzige Stücke Mammutbaum verteilt. Nun, vor dem großen Umzug, setzten wir uns zusammen und misteten aus, was recht lange dauerte, weil ich erstens in fast jedes Buch hineinblätterte und daraus vorlas, bis Sara mir drohte, dass sie mir den Schädel spalte, und zwar mit dem großen Teubner-Bildband „Die ganze Welt der Lebensmittel“. Zweitens presste ich mir das eine oder andere Buch vor die Brust. Nick kitzelte mich und Sara entriss mir im richtigen Moment den japanischen Design-Almanach von 1971.
Nachdem wir tagelang gekämpft hatten, entschied ich mich, etwa zwei Bruttoregistertonnen verschiedenster Druckerzeugnisse zu verkaufen. Es gibt dafür eine App, mit der kann man den Strichcode eines Buches einscannen. Dann sagt einem ein Händler, was man dafür erhält. Meistens sind es 14 Cent. Ich scannte einen halben Nachmittag und am Ende war ich beleidigt, weil man für Bücher gar nichts bekommt. Am schlimmsten war es bei den schweren Bildbänden. Die sind praktisch wertlos.
Oder vielleicht alles bei Ebay verticken. Aber will man das wirklich? Hunderte von Bücher einstellen, die Dinger einzeln verpacken und jedes Mal zur Post rasen? Nein. Dann lieber verschenken. Sara und ich gingen alles durch und schließlich packten wir sechs Kartons, die Sara in ein Krankenhaus fuhr. Dann sortierte sie weitere fünf Kartons mit Büchern aus, die sie gerne in ihrer Wohnung haben wollte. Und ich verschenkte noch einmal zwei Kartons an Freunde. Ich fühlte mich befreit.
Dann rechnete ich die Regalmeter aus, die uns bisher zur Verfügung standen und jene, die ich zukünftig benötigen würde und bestellte neue Regale. Und dabei ist mir wohl ein klitzekleiner Planungsfehler unterlaufen, denn der Platz in der neuen Wohnung reicht nun einmal ziemlich genau bis „Bü 37“. Und jetzt kommt, was ich mache: Ich schmeiße das alles weg. 34 Kartons mit Büchern. Ich weiß, das klingt roh und grob, aber ich werde 98 Prozent dieser Gegenstände sonst erst wieder beim nächsten Umzug in die Hand nehmen. Ich fühle mich schlecht und schuldig, aber so wird es geschehen, und zwar gleich jetzt.
Ach ja: Es gibt übrigens auch noch „DVD 1-7“ und CD „1-12“ sowie „LP 1-15“. Alles wunderschöne Filme und fantastische Musik. Ich glaube, das behalte ich erst einmal.