Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Diätkenner … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 31.12.2018

612_Ein Jahr ohne Nasemann

Es war im Januar, als ich den Nasemann verlor. Er hatte immer auf meinem Schreibtisch gestanden. Der Körper dieses zweiteiligen Holzfigürchens bestand aus einer Kugel. Darauf waren Beine und Arme eines anzugtragenden Herren gemalt, welcher zudem einen kleinen Reisekoffer trug. Auf diesem Rumpf lag lose in einer Ausbuchtung ein runder Kopf mit einer sehr langen Nase. Nasemann war das Geschenk einer Buchhändlerin, die fand, dass ich aussah wie diese Figur.
Wenn ich sachte auf die Tischplatte schlug, hüpfte der Holzkopf hoch und die lange Nase zeigte nach oben, nach unten oder zur Seite, ohne dass ich das Ergebnis hätte beeinflussen können. Der Nasemann begleitete mich dann viele Jahre lang durch den Alltag. Ich fragte ihn, ob ich noch einen Kaffee trinken sollte und haute auf die Tischplatte. Wenn die Nase nach oben zeigte, nahm ich noch eine Tasse, wenn sie nach unten wies, verzichtete ich, und wenn sie zur Seite zeigte, fragte ich später noch einmal. Ich konsultierte Nasemann in allen möglichen Fragen, auch bei künstlerischen Entscheidungen. Ich nutzte ihn als Orakel für zwei Weltmeisterschaften. Nasemann war mein persönlicher Berater.
Und dann war er weg. Bei einer Aufräumaktion Anfang des Jahres hatte ich den Schreibtisch frei gemacht, Dinge sortiert, weggeschmissen und entstaubt. Hinterher war Nasemann verschwunden. Ich suchte ihn überall, aber ich vermied es, Sara und die Kinder nach seinem Verbleib zu fragen. Es war mir peinlich, denn ich habe ihnen nie erzählt, welche Rolle diese Holzfigur in meinem Leben als Ratgeber und Freund spielte. Man kann auch schlecht mit fünfzig Jahren durchs Haus laufen und rufen: „Nasemann, wo bist Du? Hat jemand meinen Nasemann gesehen?“ Wahrscheinlich hatte ich ihn versehentlich in den Müll geworfen.
Schließlich fand ich mich damit ab, ohne Nasemann durchs Jahr zu gehen. Das war hart, denn nun musste ich mir selber eine Meinung bilden. Im Februar zum Beispiel, als Martin Schulz den Parteivorsitz der SPD abgab, nachdem er sich zum Außenminister einer Regierung erklärt hatte, der er kurz zuvor unter keinen Umständen hatte angehören wollen. Wahrscheinlich hätte Nasemann nicht aufgehört, mit dem Kopf zu schütteln. Und so tat ich es dann auch. Genau wie nach dem Amoklauf in Florida, den der amerikanische Präsident zum Anlass nahm, die Bewaffnung von Lehrern zu fordern.
Im Juli musste ich ohne Nasemann auskommen, als die ganze Welt atemlos beobachtete, wie zwölf Kinder aus einer überfluteten Höhle in Thailand geborgen wurden. Sicher hätte mein Holzfreund mit erhobener Nase Optimismus verbreitet. Auch die lebenslängliche Haft für die NSU-Terroristin Beate Zschäpe hätte er wohl goutiert. Aber was seine Nase wohl zu den Deutschen bei der Fußball-WM gesagt hätte? Später kam raus, dass Teile der Mannschaft halbe Nächte lang „Fortnite“ an der Playstation gezockt hatten und Antonio Rüdiger zur Entspannung eine Shisha mit zum Turnier brachte. Ob Nasemann darüber amüsiert oder verärgert gewesen wäre? Ich gewöhnte mich im Laufe des Jahres daran, eine eigene Meinung zu haben und entschied mich ohne sein Zutun dafür, persönlich mehr fürs Klima und weniger gegen mein Gewicht zu kämpfen. Und ich beschloss, umzuziehen.
Nick und ich leben seit einer Woche in der Stadt. Männer-WG. Vorhin ging ich in sein Zimmer, um ihn zu bitten, mir mit den 140 leeren Kartons zu helfen, die zusammengefaltet werden müssen. Ich komme also in sein Zimmer und wer liegt da auf seinem Bett? Nasemann! Es stellte sich heraus, dass Nicks Freundin Emilia Nasemann im Januar zufällig in der Küche entdeckt hatte, wo er mit vielen anderen Dingen in der Spüle stand und abgewaschen werden sollte. Sie hatte mit ihm herumgespielt und schließlich war er in Nicks Schreibtischschublade gelandet, wo er das ganze Jahr über liegen blieb. Erst reagierte ich sauer, aber in Wahrheit bin ich sehr erleichtert.
Hauptsache, Nasemann ist wieder da. Ich bin so froh. Er steht vor mir auf dem Schreibtisch und sieht neutral nach vorne, wie immer. Ich werde ihm jetzt eine Frage stellen, diesem Meister der Eindeutigkeit, diesem verlorenen geglaubten, Holz gewordenen Superkumpel. Ich frage ihn also: „Nasemann, wie wird 2019?“ Ich schlage auf die Tischplatte, sein Kopf zuckt und die Nase zeigt: nach oben. 2019 wird also gut. Nasemann, ich danke Dir.