Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Beinscheibe … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 07.01.2019

613_Hausreinigung von Meisterhand

Das Leben in der Stadt verwirrt mich offenbar. Was mir zum Beispiel seit meinem Umzug vom Land in die Landeshauptstadt häufiger passiert, sind schlüpfrige Irrtümer. Ein Beispiel: Auf der Tüte der französischen Bäckerei um die Ecke, die zu einem nach Dorfmaßstäben völlig absurden Preis sehr gute Produkte verkauft, auf dieser Tüte steht jedenfalls: „Französische Brustwarzen aus Meisterhand.“ Da war ich wirklich überrascht, als ich dort zum ersten Mal einkaufen ging. Nach etwa hundert Metern auf dem Heimweg sah ich noch einmal nach und war im selben Maße beruhigt wie enttäuscht, denn eigentlich stand da: Französische Backwaren aus Meisterhand.“
Es muss die Müdigkeit sein. So ein Umzug schlaucht ja doch erheblich. Mein seit Jahren gehegter Plan, Silvester um 20 Uhr ins Bett zu gehen, scheiterte jedoch gleich doppelt. Erstens musste ich um 20:07 Uhr wieder aufstehen, weil Sara mich abholte, um mit mir auf eine Party zu gehen. Und zweitens war an Schlaf ohnehin nicht zu denken, weil die Stadt unter Dauerbeschuss lag. Fröhliche junge Menschen taumelten auf der Straße umher und sahen bereits am frühen Abend der Amputation von Fingern und ganzen Händen in beneidenswerter Ausgelassenheit entgegen. Ich habe übrigens nichts gegen Feuerwerke, auch wenn diese selbst in kleinem Rahmen böse Folgen haben können. Auf der Party entzündete nämlich der gastgebende Gunther ein Tischfeuerwerk, welches sich einerseits als absolut armseliges Spektakel herausstellte, aber andererseits ein kleines Glücksschwein aus Plastik gebar, welches einer Ägyptologin namens Heike direkt ins Auge flog. Um 0:20 Uhr sah sie aus, als habe sie sich mit einem Pharao um eine Grabbeigabe geprügelt.
Die ersten Tage im neuen Heim habe ich mit dem Aufhängen von Bildern und Leuchten verbracht. Es ist mir ein Rätsel, warum die Wohnung davon so schmutzig wird. Vielleicht liegt es aber auch an den Umzugskartons. Diese Dinger verbreiten eine Art Pappe-Staub-Nebel, der sich wie Tau auf alles legt, was man auspackt. Jedenfalls möchte ich auf Dauer eine Reinigungskraft beschäftigen. Das sollte kein Problem sein, aber es herrscht offenbar ein Fachkräftemangel auf diesem Gebiet und es scheint regelrechte Stars im Putz-Business zu geben. Man muss sich um sie bemühen, sich regelrecht bewerben – wenn man überhaupt an ihre Telefonnummern kommt, was mir noch nicht gelungen ist. Die Nachbarschaft mauert. Kontaktdaten von guten Putzfrauen werden gehandelt wie Safranfäden.
Also suchte ich im Internet nach jemandem, der bei uns saubermachen möchte und landete auf einer Seite zur Vermittlung von Reinigungskräften. Dort konnte man sich Profile ansehen, die mich schwer beeindruckten. Da gab es eine Swetlana, die bereits auf über 400 Einsätze zurückblicken konnte und mitteilte, es sei bei jedem ihrer Kunden sauberer als bei ihr zuhause. Kein Wunder, sie ist ja nie daheim.
Noch sagenhafter erschien mir nur Hashid, dessen Profilbild einen Herrn mit verschränkten Armen zeigte, grimmig bereit, sich mit meinen Wollmäusen zu battlen. Darunter stand: „Meine Philosophie: Sauberkeit vergisst man nie.“ Ich entschied mich trotz dieses donnernden Aphorismus gegen Hashid. Erstens fand ich 35 Euro pro Stunde selbst für einen Philosophen etwas happig und zweitens möchte man ganz grundsätzlich einem Philosophen nicht beim Putzen zusehen. Ich beschloss, für diesen Stundensatz selber tätig zu werden. Meine Philosophie: „Wenn ich putze ist das wie französische Brustwarzen aus Meisterhand.“