Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Diätkenner … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 14.01.2019

614_Park-Raum und Liefer-Zeit

Der größte Unterschied zwischen dem Land und der Stadt besteht in der sehr unterschiedlichen Basis-Ausstattung. Zum Beispiel hat es in der Provinz deutlich weniger gehobene Bars, weil ein reichhaltiges Sortiment an Zigarren und Whisky dem Dörfler nun einmal nicht so wichtig ist wie eine gut gewartete Güllepumpe. Zum Ausgleich dafür bietet das Leben in der Provinz dem Einzelnen insgesamt mehr Platz an, vor allem Parkraum steht auf eine geradezu verschwenderische Weise zur Verfügung. Über neunzehn Jahre lang habe ich mir niemals Gedanken darüber gemacht, wo ich mein Auto hinstellen sollte, wenn ich nach Hause kam. Und nun denke ich über fast nichts Anderes mehr nach.
Das hängt damit zusammen, dass in der Stadt so viele Autos herumfahren. Man versteht das gar nicht. Alle wissen, dass der Platz begrenzt ist und dennoch gurken Menschenmassen durch die Nachbarschaft und suchen einen Parkplatz. Vom Weltraum aus betrachtet muss das sehr ulkig aussehen. Millionen von Erdlingen, die in bunten Metallbehältern langsam zwischen ihren Häusern herumfahren, anstatt darin zu wohnen. Die Milchstraße lacht!
Ebenfalls sehr unterhaltsam ist das Wesen der Postzustellung in der Stadt. Auf dem Land kannte ich das so: Der Postbote oder der Paketmann kamen angefahren und brachten irgendwas vorbei. Wenn man nicht zuhause war, stellten sie die Fracht vor die Haustür. In der Stadt geht das offensichtlich nicht. Jedenfalls nicht so einfach. Oder nur bei mir nicht. Ich weiß es nicht. Vielleicht habe ich mir etwas zuschulden kommen lassen und wurde von der Paketversorgung ausgenommen. Immerhin erreichen mich Briefe, aber die meisten Möbel, Schuhe und Kochtöpfe passen leider nicht in Briefumschläge. Und es kommen ja auch durchaus Pakete an in diesem Haus, sogar bei mir. Ich nehme nämlich täglich Pakete für Nachbarn an. Komischerweise nehme ich aber nie Pakete für mich selbst an. Stattdessen hole ich Zettelchen aus dem Briefkasten, auf denen steht, dass ich leider nicht da gewesen sei, als der Bote kam. Das ist eine freche Lüge. Ich hatte sogar schon einmal Einen vor der Tür, der bei mir erst ein Paket für die Nachbarn abgab und anschließend unten im Flur so eine Benachrichtigung in den Briefschlitz schob. Darauf stand, man werde es wieder bei mir versuchen, was gnädig klang, aber niemals geschah.
Am Montag erhielt ich eine Mail mit der Nachricht, dass eine dpd-Paketlieferung unmittelbar bevorstünde. Sie erfolge zwischen 9:38 und 10:38. Ich wartete und als niemand kam, ging ich gegen 12 Uhr einkaufen. Währenddessen erhielt ich eine Mail. Darin stand, man habe mich leider nicht angetroffen und das Paket zu einem Pickup-Paketshop in der Nähe gebracht. Ich könne es dort am nächsten Werktag abholen.
Am Dienstag wollte ich gerade los, um das Paket zu holen, da erhielt ich eine Nachricht, derzufolge in wenigen Minuten ein Paket käme. Es war wieder diese dpd-Firma und diesmal klingelte tatsächlich ein hagerer Mann mit Bart und übergab ein Paket mit Sportschuhen für unseren Sohn. Ich fragte ihn, ob er meines vom Vortag auch gleich mit dabeihabe. Er sah mich staunend an. Ich sagte ihm, ich hätte die Paketnummer im Handy, worauf er antwortete, er habe kein Handy. Dann drehte er sich um und ging weg.
Wenig später brach ich auf zum Pickup-Paketshop, bei dem es sich eigentlich um einen Reparaturservice für Mobiltelefone handelt. Tatsächlich ist es jedoch ein Aufbewahrungsort für gestrandete Pakete, ein total deprimierender Ort. Ich betrat den Laden und nannte meine Paketnummer. Darauf erklärte mir der Mitarbeiter, das Paket sei zu groß gewesen und man habe es nicht aufbewahren können. Der Mann von der Zustellfirma habe es gerade abgeholt. Ich fragte, ob das ein Hagerer mit Bart gewesen sei und der etwas dickliche Mobilfunk-Typ sagte, die seien alle hager und bärtig. Im Live-Tracking konnte man verfolgen, wie sich mein Paket langsam aber stetig entfernte.
In diesem Moment kam eine Mail des Inhalts, dass man sich freue mir mitzuteilen, dass mein Paket auf dem Weg zum Zustellzentrum sei. Man werde es morgen zwischen 9:15 und 10:15 zu mir bringen. Ich könne aber auch einen Ablageort angeben. Ich scrollte durch die Optionen und wählte „Schuppen“. Jetzt bin ich mal gespannt, denn bei uns gibt es keinen Schuppen. Da kann er lange suchen, der Bärtige hagere.