Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nachbar … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 28.01.2019

615_Die deutsche Krümelhölle

Liebe deutsche Bäckerei-Innungen aller deutschen Back-Sprengel, liebes Backhandwerk, hallo Frühaufsteher, ich wende mich heute mit einer Bitte an Euch: Ich möchte bitte einfach ein Brot kaufen. Bekommt Ihr das hin? Ich frage, weil es das irgendwie kaum noch zu geben scheint. Stattdessen werden mir in jeder popeligen Stadtteilbäckerei dutzende verschiedene Hervorbringungen angeboten, deren Namen schon viel zu doof sind, um sie bei einer Bestellung laut auszusprechen. Aber hier kann ich es ja sagen. Also: Ich möchte bitte kein Jägerkrusti, kein Kartoffel-Bürli und auch keinen Kerndlbeißer. Euren Dinkelbrezenstangen, Laugenfußbällen und Haferlingen und ganz besonders der Joggingsemmel wünsche ich ein unendliches Fegefeuer in der Krümelhölle.
Wozu dieser ganze Kram? Tut’s nicht einfach ein vernünftiges Brötchen, meinetwegen auch gerne als Semmel oder Schrippe!? Und dazu vielleicht eine Variante mit Körnern, wenn jemandem danach ist. Außerdem hätte ich gerne einfach wie gesagt ein Brot. Und nicht hundert Brote, die alle gleich schmecken. Mir egal, ob da Dinkel oder Hafer oder Sonnenblumenkerne und Roggen und Chiasamen und Kartoffeln drin sind. Wahrscheinlich gibt es sogar bald Brote mit Weizenmehl! Dieser Brot-Overkill macht mich total fertig. In jeder oberpfälzischen Dorfbäckerei liegt inzwischen Toskana-Brot rum. Wer auch immer das erfunden hat, war noch nie in der Toskana und hat keine Ahnung, wie grauenhaft Brot dort schmecken kann. Oder die Bataillone von Krustenbroten in deutschen Bäckereiregalen. Nach einem Tag gewinnen sie ballistische Eigenschaften, die sonst nur von Dachziegeln, Schulbüchern und Stabhandgranaten erreicht werden können.
Man sollte umgehend das Geschäft verlassen, wenn das berüchtigte „Finnenbrot“ droht. Es markiert den geschmacklichen und haptischen Tiefpunkt deutscher Backkunst. Finnenbrot ist sozusagen das Dosenbier unter den Backwaren. Es handelt sich in der Regel um ein Fertigprodukt, dass der Bäcker bloß noch aus einer riesigen Tüte in einen Kessel mit Wasser schütten muss. Fast überall wird das gigantische Angebot von zwanzig Sorten Brot durch die Verwendung von zwanzig Sorten Fertigmischung sichergestellt. Dazu kommen noch Kuchen und Teilchen und eben Brezen und Semmeln. Das geht nur, wenn man die einst mühsam erlernte Handwerkskunst tapfer hinter sich lässt und eben im Akkord Tüten aufreißt.
Und die Kolleginnen und Kollegen in den Bäckereiketten müssten sich streng genommen gar nicht mehr Bäckerei nennen, sondern Aufbäckerei, weil sie eigentlich nur Tiefkühlware erhitzen. Jemand von einer Bäckereikette hat mir am Telefon erklärt, dass drei Sorten richtiges Brot richtig herzustellen viel mühevoller sei als zwanzig Fertigprodukte im Sortiment zu führen. Und dass es sich nicht lohnen würde, den ganzen Aufwand zu betreiben, wenn nebenan ein SB-Backshop eröffne, dessen Produkte nur ein Viertel kosteten. Und er hat behauptet, dass die modernen Backwaren qualitativ sehr gut seien. Man könne ein von Meisterhand mit liebevoll gehegtem Sauerteig gebackenes Landbrot kaum von einer Industriebackware unterscheiden. Das mag sein, aber mit Blick auf die Zutatenliste der „Truthahn-Charivari-Semmel“ einer süddeutschen Bäckerei-Kette frage ich mich trotzdem, ob ich das essen möchte. Eine „Truthahn-Charivari-Semmel“ besteht nämlich keineswegs aus Semmel und Putenbrust, sondern unter anderem aus: Maisstärke, Karamellzuckersirup, Glucosesirup, Vollmilchpulver, Lecithin, Diacetylweinsäureester von Mono- und Diglyceriden von Speisefettsäuren; aus Riboflavin, Carrageen, Natriumnitrit, Ascorbinsäure, Triphosphat, Polyphosphat, Natrium-Carboxymethylcellulose, Calciumphosphat und Xanthan. Und sie kann erstaunlicherweise Spuren von Sellerie enthalten.
Also noch einmal der dringende Wunsch an alle Bäckerinnen und Bäcker: Macht doch mal einen Laden auf, in dem es nur zwei Brote und zwei Semmeln gibt. Wobei, andererseits: Gerade kam Nick rein. Er fragte, worüber ich schreibe. Ich erklärte es ihm. Er zuckte mit den Schultern und sagte, er finde Joggingsemmeln krass geil. Und wenn ich nur zwei Brote haben wolle, solle ich nach Nordkorea auswandern. Da gebe es manchmal sogar überhaupt kein Brot. Da hat er auch wieder Recht. Also vergesst meinen Appell. Ich nehme dann bitte ein Winterkrüstchen und einen Dinkelkraftprotz. Kann alles in eine Tüte.