Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Babbo … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 11.02.2019

616_Asyl für Emil

Wir haben einen neuen Mitbewohner. Es handelt sich um Nicks Freund Emil. Er tauchte vor gut drei Wochen auf und wurde mir als neuer Kumpel vorgestellt. Nick und Emil teilen den Schulweg und ihre Vorliebe für „Fortnite“ und „Pombär“. Sie sind unzertrennlich und im Prinzip freue ich mich darüber, denn Emil ist ein kluger und lustiger Kerl. Er ist bloß einfach immer hier, als hätte er kein Zuhause. Hat er aber. Er wohnt eigentlich direkt um die Ecke.
Emils Eltern sind der Meinung, dass ihr Sohn ganz schnell selbständig werden solle in dieser von Konkurrenz und Egoismus geprägten Welt. Er solle selber schauen, wie man sich durchschlägt, mal neue Wege suchen, Lösungen finden. Um dies zu fördern haben sie vor einiger Zeit beschlossen, dass er raus müsse aus seiner verdammten Comfort Zone. Sie haben also einfach aufgehört einzukaufen und seine Wäsche zu waschen. Das mache ich jetzt.
Die Übernahme meiner Wohnung fing damit an, dass Nick mich darum bat, anderes Klopapier zu kaufen, weil Emil eine bestimmte Marke bevorzuge. Ich tippte mir an die Stirn, kaufte es aber trotzdem, weil man für Neues aufgeschlossen sein soll. Und weil ich das grundsätzlich nicht bin, gönne ich mir winzige Revolutionen in meiner Alltagsführung wie dieses Klopapier. Ich fühle mich dabei wie Rosa Luxemburg bei der Gründung des Spartakusbundes. Ich besorgte auch Rote Grütze, weil Emil unsere Desserts nicht so mochte. Und gesalzene Butter, auf deren Anschaffung ich ohne Emil nie gekommen wäre.
Erst gefiel mir das Alles, aber dann kippte es. Mehrmals stand Emil vor dem Fernseher und trug Kurzreferate über das richtige Leben vor, in dem es keine Fernseher gibt, während ich fernsehen wollte. Einmal hielt er mir eines seiner frisch gewaschenen T-Shirts vor die Nase und deutete mehrere Minuten lang stumm anklagend auf einen Fleck, den ich nicht vollständig ausgewaschen hatte. Und schließlich stand er Sonntagmorgens im Schlafzimmer vor meinem Bett und hielt einen Monolog darüber, dass er sich morgens die Zähne nicht mit „Elmex“ putzen könne, weil sein seelisches Gleichgewicht dadurch ins Wanken gerate.
Ich rief seine Eltern an, weil ich doch mal wissen wollte, aus was für einem Haushalt so ein Vogel kommt. Claudia und Ralf luden mich daraufhin zum Essen ein. Es kamen noch weitere Menschen dazu und ich saß dann zwischen lauter Schwabinger Theaterfreunden. Leute, die stundenlang übers Theater reden, sind auch nicht anders als solche, die sich stundenlang übers Segeln unterhalten. Oder über Rindenmulch. Anfangs ist es noch interessant, aber das gibt sich. Außerdem höre ich doch so schlecht. Irgendwann kam man auf den scheidenden Münchner Intendanten Matthias Lilienthal und dessen Zukunft. Es hieß dann, er plane ein großes Festival in Bayreuth. Erst nach einer Viertelstunde fiel mir auf, dass ich mich verhört hatte. Mathias Lilienthal macht sein Festival nicht in Bayreuth, sondern in Beirut. Egal, beides naher Osten.
Als nächstes wurden Schmink-Tutorials bei Youtube diskutiert. Tatsächlich scheint es erwachsene Leute zu geben, die sich so etwas mit Gewinn ansehen. Wenn ich es mir recht überlege, gibt es auf der Welt nur einen Menschen, von dem ich wirklich gerne ein Schmink-Tutorial im Internet angucken würde. Und das ist Günther Wallraff.
Schließlich ging es um die drängende Frage, welche Schauspielerin besser auf der Bühne verzweifelt zusammenbrechen kann, Cornelia Froboess oder Sybille Canonica. Das Großmimentum äußert sich nach Ansicht von Ralf und Claudia nämlich vor allem im verzweifelten Zusammenbruch. Die darstellerische Qualität von Frauen daran zu bemessen, wie sie desillusioniert zu Boden sinken, erhöht die Erwartungen ans moderne Theater enorm. Ich werde zukünftig im Parkett an nichts anderes mehr denken können.
Dann gab es Streit, weil Ralf die achte Flasche Wein mit Hinweis auf ihr begrenztes monatliches Wein-Budget nicht öffnen wollte. Interessantes Thema am 2. Februar. Claudia begann ansatzlos damit, ihren Mann als geizigen Spießer zu beschimpfen, brüllte dann eine Weile pointenlos vor sich hin, rutschte vom Stuhl und ließ sich auf den Küchenboden fallen, dass sich Sybille Canonica mal eine Scheibe davon abschneiden kann. Da ging ich nach Hause. Ich traf Emil in der Küche, wo er gerade den Inhalt unseres Kühlschrankes nach Farben sortierte. Ich umarmte ihn stumm. Er kann bleiben, solange er will.