Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kapselheber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 22.02.2019

618_Glamour in Berlin

Berlin ist schon sehr anstrengend. Das liegt am so genannten Berlin-Gefühl. Es ist immer alles so wahnsinnig aufregend dort. Man kann nicht einmal in Ruhe einen Espresso trinken ohne dass der Eindruck eines historischen Momentes entsteht. Berlin und seine Bewohner sind von ihrer Grundstimmung her wirklich phänomenal unentspannt Und bei der Berlinale wächst sich diese obszöne Berlinhaftigkeit zu einer regelrechten Schrulle aus, weil sich Veranstalter und Teilnehmer in Ermangelung wirklicher Stars darauf geeinigt haben, dass einfach jeder ein Star ist und sich deshalb so benimmt, wie man sich das Verhalten von Superstars vorstellt, wenn man den Rest des Jahres zu viel Zeit hat.
Und das für ein Filmfestival, welches nicht besonders bedeutend ist, außer in Berlin. Aber vielleicht ist diese ulkige Protzhaltung gar nichts berlintypisches, denn einen ähnlichen Effekt kann man auch beim Kartoffelsalat-Wettbewerb in Giengen an der Brenz beobachten und bei der Zylinderkopfmesse in Oberhausen-Sterkrade. Wir Deutschen neigen allgemein dazu, uns wichtiger zu nehmen als wir sind. Zum Beispiel denken viele Deutsche, ihre Sprache sei eine Weltsprache. Tatsächlich steht Deutsch aber nur auf Platz 12 der am meisten gesprochenen Sprachen, und zwar hinter javanisch, was man in Indonesien spricht. Deutschland und seine Bewohner sind global betrachtet eher so mittelwichtig.
Dies steht im kolossalen Widerspruch zur Selbstwahrnehmung deutscher Filmschaffender, die bei der Berlinale auf allerlei Parties gehen, um sich im Gespräch zu halten und mal wieder etwas Warmes zu essen. Die Unterhaltungen auf diesen Festen haben nicht selten den Charakter von Bewerbungsgesprächen, in denen es verzwickterweise zu gleichen Teilen darum geht, dem Gegenüber einen hohen Beschäftigungsgrad zu vermitteln und gleichzeitig dringendes Interesse an einer Verpflichtung. Andersrum fahnden Produzenten andauernd nach Darstellerinnen und Darstellern, die ebenso weltberühmt wie leicht erhältlich sind. Darin liegt ein gewisser Widerspruch. Die Suche nach der richtigen Besetzung für einen Film wird noch dadurch erschwert, dass die deutsche Filmszene über einen vergleichsweise kleinen Kreis von Künstlern verfügt. Wahrscheinlich wäre es viel leichter, einen deutschen Film mit talentierten Chinesen oder Indern zu besetzen. Von denen gibt es einfach mehr.
Hinzu kommt, dass sich deutsche Produzenten keine Namen merken können. Exemplarisch dafür der folgende Gedankengang der Produzentin Frau F. Sie befindet sich gerade auf dem Fest eines Filmverleihers. Während sie versucht, an die Quinoa-Schnitten vom Flying Buffett zu gelangen und deshalb panisch hinter einem Kellner her rennt ist, denkt sie folgendes:
Das da ist doch die Dings. Die muss ich unbedingt ansprechen. Ich hätte sie so gerne für „Tee im Goldfischglas“. Aber dafür müsste mir ihr Name wieder einfallen. Ich kann sie ja nicht mit „Hallo, Frau Dingsbums“ ansprechen. Mensch, wie heißt die denn bloß noch mal? Die hat doch damals in dem Film mitgespielt, wo der japanische Geiger in Israel auf den Bus wartet und dabei seinen Freund wiedertrifft, den er beim Überfall auf eine Bank in Helsinki aus den Augen verloren hat. Da war sie die Busfahrerin. Oder nee, der wartet gar nicht auf den Bus, sondern auf den Zug. Und zwar in Island, nicht in Israel. Wobei: Gibt es in Island überhaupt Züge? Da gibt es doch nur Geysire und die fahren furchtbar unpünktlich. Außerdem hat sie da gar nicht mitgespielt, sondern in dem anderen Film mit dem Ding, na, der auch mal in Hollywood einen Nazi gespielt hat. Hacken zusammenschlagen können wir ja, da sind wir im internationalen Vergleich unschlagbar, auch gegenüber den Chinesen. Mensch, wie heißt die denn bloß noch mal. Man müsste sie natürlich blond färben. Die ist ja ganz schön grau geworden. Wahrscheinlich eh zu alt, die ist ja mindestens vierzig. Was soll’s. Jetzt ist sie eh weg. Wer kommt denn da? Oh Gott, der kommt direkt auf mich zu. Das ist doch der, na, hab’s gleich. Der will bestimmt ‘ne Rolle. Aber wenn nicht mal mir der Name einfällt, wie sollen sich dann die Zuschauer an den erinnern. Gleich ist er da. Ich warte einfach mal ab, vielleicht sagt er ja von selber wie er heißt.
Und dann fällt sie dem dringend nach einer Rolle suchenden Schauspieler M. um den Hals und brüllt ihm ins Ohr: „Du, wir haben uns ja eine Ewigkeit nicht gesehen. Wenn’s die Berlinale nicht gäbe, würde man sich ja nie treffen. Mensch, wie geht’s Dir?“