Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Pubertierhalter … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 26.02.2019

619_Nicks Zettelwirtschaft

Teil meines in bedrohlichem Tempo fortschreitenden Altersprozesses ist, dass Wissen für mich ein zunehmend flüchtiges Gut wird. Manche Dinge weiß ich und behalte sie auch. Die weiß ich allerdings meistens schon sehr lange. Schnürsenkelbinden und so etwas. Andere weiß ich zwar, vergesse sie aber sofort, weil ich sie zwar kurz weiß, aber eigentlich nicht verstehe. Oder ich verstehe sie, verwechsele sie aber mit Dingen, die ich nicht verstanden habe oder welchen, die mir egal sind. Oder ich weiß sie, aber sie werden von wichtigeren Angelegenheiten verdrängt. Oder ich weiß sie nicht, weil ich nicht richtig zugehört habe oder weil ich nach der Hälfte ausgestiegen bin. Oder ich weiß sie deswegen nicht, weil Mitmenschen vergessen haben, sie mir näher zu bringen.
Diese Unsicherheit machen sich meine Kinder zunutze, indem sie mir zum Beispiel erklären, sie hätten mit mir die Anschaffung eines kleinen Alligators ausführlichst besprochen und ich hätte nichts dagegen gehabt. Ich hätte dieses Gespräch bloß vergessen. Ebenfalls vergessen habe ich offenbar, dass ich meinem Sohn erlaubt habe, sich die Haare blau zu färben. Und ich weiß nicht mehr, dass ich Carla versprochen habe, sämtliche Kosten der Reise zu einem Festival im Juli bereits jetzt zu übernehmen und bar auszuzahlen. Vermutlich muss ich dann im August noch einmal alles nach Vorlage von Quittungen erstatten, weil ich bis dahin schon lange nicht mehr weiß, dass ich bereits einmal geblecht habe.
Bei der Sache am letzten Wochenende wusste ich auch nicht mehr, ob ich dazu wirklich „ja“ gesagt und dann auch noch eine Unterschrift geleistet habe. Nun werden sie einwenden, dass man doch weiß, ob man etwas unterschrieben hat oder nicht. Ich muss aber sehr viel unterschreiben: Rechnungen und Quittungen und Bestellungen und Schulsachen und Verträge und Anträge und Hinz und Kunz. Ich habe daher eine ausgesprochen schwungvolle und unleserliche Unterschrift, ähnlich der eines Arztes beim dreimillionsten Rezept seines Lebens.
Jedenfalls beteuerte Nick hinterher, ich hätte ihm diesen Muttizettel unterschrieben und den Clubbesuch erlaubt. Ein Muttizettel ist ein Wisch, den Sechzehnjährige am Eingang eines Clubs dem Türsteher zeigen, um ihren volljährigen Begleiter als Elternvertreter auszuweisen. Mit Muttizettel dürfen sie rein ins Vergnügen und sich dort bis nach Mitternacht tummeln. Sie dürfen aber auf keinen Fall ein Muttizettel-Business aufziehen.
Nach Nicks Darstellung erlaubte ich ihm also am letzten Samstag erstmalig den Besuch einer Tanzveranstaltung in einem Tanzlokal und unterschrieb einen entsprechenden Zettel, obwohl ich nicht Mutti bin, sondern Vati. Aber aus irgendeinem diskriminierenden Grund heißen die Dinger nicht Vatizettel. Jedenfalls autorisierte ich Nicks Kumpel Lukas, die erzieherische Führung meines minderjährigen Sohnes zu übernehmen. Das kann eigentlich nicht sein, denn ich würde Lukas nicht einmal zutrauen auf eine leere Pfandflasche aufzupassen.
Egal. Um 1:30 Uhr war Nick wieder da, und zwar in Begleitung eines Polizeibeamten. Der hielt mir diesen Wisch unter die Nase und eröffnete mir, dass Nick und Lukas damit in den Club gelangt seien. Dann sei Lukas wieder rausgegangen und habe einen weiteren Jungen mit demselben Muttizettel ins Lokal gelotst. Dieser habe ihm dafür zehn Euro gegeben. Insgesamt sei der Zettel 13 Mal verwendet worden, darunter für zwei Mädchen. Der Türsteher sei womöglich auch kein Genie gewesen. Die Sache sei aufgeflogen, weil einer der Jungen sich beim Barkeeper über die hohen Getränkepreise beklagt habe, zumal er ja schon zehn Tacken in den Muttizettel habe investieren müssen. Der Polizist wollte nun wissen, ob ich das Ding unterschrieben hätte. Ich erkannte meine Signatur und nickte müde.
Ich fragte mich den ganzen Sonntag, wann ich das unterschrieben hatte, aber es fiel mir nicht ein. Schließlich setzte sich Nick zu mir aufs Sofa und beichtete. Tatsächlich habe ich das Teil unterschrieben. Allerdings bezeugte ich damit etwas ganz anderes, nämlich meine Bereitschaft, zwanzig Euro für die Klassenkasse zu spenden, damit man von dem gesammelten Geld Futter für Nagetiere in Not kaufen könne. Diesen Teil des Papiers hatte Nick allerdings kunstvoll auf den Muttizettel geklebt und nach erfolgter Unterschrift entfernt. Ich war sehr froh darüber, jetzt weiß ich wenigstens, dass ich nicht verrückt bin, weil ich mich nicht an den Muttizettel erinnern kann.