Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Schmutzschleuse … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 18.03.2019

620_Die aktuellen deutschen Charts

Wassersprudler sind genial. Man schraubt eine Flasche hinein, drückt einen Knopf, dann macht das Gerät ein obszönes Geräusch und man kann ihm eine sprudelnde Köstlichkeit entnehmen. Die Vorteile dieses Verfahrens leuchten ein: Man muss keine Wasserkästen mehr schleppen und hat ständig Nachschub, weil die Leitung nie versiegt. Der einzige Nachteil dieses Produkts ist seine Gestaltung. Das Ding sieht aus, als hätte Darth Vader einen Feuerlöscher entworfen. Zum Trost sind die mitgelieferten Flaschen relativ schön.
Jedenfalls wenn man eine hat. Wir besitzen drei, aber sie sind nie da, weil sie bei unserem Sohn Nick unterm Bett wohnen. It’s magic: Kaum, dass man sie dort hervorgeholt, aufgefüllt und in den Kühlschrank gestellt hat, sind sie wieder in seinem Zimmer. Dort keimen sie halbvoll vor sich hin. Wenn man sich darüber beschwert, wird einem eine altmodische Wesensart unterstellt. Diese manifestiert sich auch in meinem Musikgeschmack, den Nick jetzt als outdated bezeichnet hat.
Um dies zu überprüfen, höre ich mir alle Titel der aktuellen deutschen Top Ten an. Auf Platz zehn: Ein Mensch namens Mero mit dem Lied „Hobby Hobby“. So klingt’s auch, denn kein Berufsmusiker würde jemals so etwas wie diesen träge scheppernden Kram veröffentlichen. Platz neun: Calvin Harris. Den kenne und mag ich. Ich weiß jetzt aber nicht, ob das gegen mich oder Calvin spricht. Danach wird es sehr sehr finster. „Hallo Hallo“ von Azet und Zuna auf Platz acht unterscheidet sich von „Hobby Hobby“ auf Platz zehn dadurch, dass man für den Videodreh nur einen Ferrari auftreiben konnte, während bei „Hobby Hobby“ auch noch Porsches, BMWs und Mercedesse zu sehen sind. Ansonsten wird viel telefoniert und die Möglichkeit eines Spitzeneinkommens durch strafbare Handlungen erörtert. Musikalisch schleppt das völlig ereignislos vor sich hin, was auch für Platz 7 gilt. Ariane Grande kenne ich wenigstens, aber der Titel macht mich trotzdem ratlos, weil wirklich überhaupt nichts passiert. Im Video diesmal Amischlitten, auf denen getanzt wird.
Weiter mit der sechs. Ava Max und „Sweet but Psycho“. Auch wieder sehr überraschungsfrei. Meine Theorie: Vielleicht soll sich das Publikum nicht aufregen und darf nur Schonmusik ohne Melodien und Höhepunkte hören. Auf Platz fünf wieder ein Absolvent der Bushido-Gesamtschule namens Capital Bra. Auf Wikipedia lese ich, der sei „gemessen an der Anzahl der Nummer-eins-Hits, der erfolgreichste Künstler des 21. Jahrhunderts und nach den „Beatles“ der erfolgreichste Künstler aller Zeiten.“ Hey! Und das mit immer demselben Song! Respekt Alder! Dass man früher dafür Platten verkaufen musste und nicht einfach nur Streams, steht da natürlich nicht. Ist ihm auch egal, fürchte ich.
Dann kommt Pietro Lombardi. Er singt: „Komm lass es uns riskieren. Was hast Du zu verlieren?“ Gut. Ich hätte Antworten. Aber die will ja niemand hören. Auf Platz drei Eno. Wieder Ferrari, diesmal auch im Titel. Der Mann kann schnell rappen, was leider auf Kosten der Verständlichkeit geht. Musikalisch und äußerlich unterscheidet sich Eno in seinem Freizeitlook kaum von den bärtigen Menschen auf den Plätzen fünf, acht und zehn.
Platz zwei wird von der Youtuberin Schirin David belegt, die offenbar in einem Film mit dem Titel „Kartoffelsalat“ mitgespielt hat. Diesmal im Video keine Autos. Sondern Motorräder. Das Lied hat man bereits vergessen, bevor es überhaupt zu Ende ist. Auf Platz eins ein Mensch in einem scheußlichen Pullover. Wieder derselbe Rappelsound, wieder derselbe Gesang. „Isch brauch kein‘ Rabatt, denn isch bezahl den Listenpreis, dieses Spotify macht misch noch behindert reisch.“ Blablabla. Wer’s glaubt, wird selig.
Aber: man darf nicht zynisch werden. „Kingston Kingston“ von Lou & the Hollywood Bananas war 1979 auch nicht klüger als die aktuelle Nummer eins. Und die Musik auf meiner ersten selbst gekauften Single kam mit genau zwei Akkorden aus. Es handelte sich um „Lady in Black“ von Uriah Heep. Mit Abstand betrachtet ein knalldoofes Stück Musik. Insofern sollte man den Kindern keine Vorträge halten. Und die Sprudelflaschen lasse ich jetzt bei Nick unterm Bett vor sich hinbrüten, bis sie Junge bekommen. Habe mir einen schönen Kasten Markensprudel gekauft, genieße ein prickelndes Wässerchen und höre Dschingis Khan. Dagegen wirkt Capital Bra dann tatsächlich, als hätte er was zu sagen.