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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 18.03.2019

621_Erst umschulen, dann umschichten

Man muss flexibel sein und sich den Bedürfnissen anpassen, Dinge verändern, das Angebot optimieren, immer mal wieder neue Ideen raushauen, innovativ bleiben. So wie die Bahn! Allerdings beschränken sich die Erfindungen der sympathischen Gleisracker meistens auf kostenneutrale und technisch leicht umsetzbare Novitäten. Zum Beispiel wurde an den Formulierungen herumgeschmiedet, mit denen Zugführer über das geschlossene Bordbistro informieren. Früher hieß es dazu lapidar, es sei geschlossen und in Kassel Wilhelmshöhe steige ein mobiler Brezelverkäufer zu. Das Innovationsgremium der Bahn hat nun offenbar beschlossen, derartige Meldungen aufzupeppen. Neulich hörte ich folgende Durchsage: „Wie sie bereits bemerkt haben, hat unser Bord-Bistro geschlossen. Der Mann mit dem Schlüssel steht in Mannheim rum und wartet auf den Zug.“ So kann man das auch machen.
Regelmäßig informiert die Bahn über Neuerungen in ihrem Organ „DB-Mobil“. Da steht dann, was man sich alles ausgedacht hat, um die Zugreisenden noch effizienter, schneller, sicherer und angenehmer zu befördern. Der Konzern ist sehr begeistert von seinen guten Ideen und neulich las ich in einem Artikel über die Neuerungen im ICE einen vor lauter Stolz geradezu silbensprengenden Satz. Unter einem Foto mit einer topgelaunten Mitarbeiterin, die einen Teller mit etwas drauf servierte stand: „Manches ändert sich, zum Beispiel erhält die Currywurst jetzt eine Garnitur aus Tortilla-Crunch.“ Wahnsinn. Man stellt sich vor, wie der Geschäftsmann mit vier Stunden Verspätung nach Hause kommt und zu seiner Frau sagt: „Schatz, stell Dir vor: Die Currywurst hat jetzt eine Garnitur aus Tortilla-Crunch.“
Ich denke übrigens auch über einen Wechsel in den Dienstleistungsbereich nach. Eigentlich habe ich schon damit begonnen. Ich unterhalte nämlich eine Paketannahmestelle. Bei uns im Haus. Wenige Wochen nach unserem Einzug haben sämtliche Paket– und Postzusteller kapiert, dass ich zuhause arbeite. Ich bin immer da und drücke immer auf den Summer, wie eine gut konditionierte Labormaus. Also bringen sie alles, was nicht in Briefkästen passt zu mir in den dritten Stock, damit sie es nicht wieder mitnehmen müssen.
Abends kommen die Nachbarn zu mir und holen ihre Postsendungen ab. Zuerst fand ich das lustig und kommunikativ, denn man lernt auf diese Weise viele Leute kennen. Aber nicht alle, denn manche Nachbarn ignorieren die Zustellbenachrichtigungen in ihren Briefkästen. Oder die Zusteller werfen keine ein. Oder im Briefkasten lebt ein kleines Tier, dass von diesen Zettelchen lebt und alle aufisst. Ich stellte also die übriggebliebenen Päckchen und Pakete auf die Seite. Manche blieben zwei oder drei Wochen. Der Stapel wurde größer, ich schichtete um. Schließlich schrieb ich selber kleine Abholzettel und warf sie in die Briefkästen der Leute, die nicht vorbeikamen.
Manche holen jetzt ihre Post, andere nicht. Das sind vermutlich die, die am meisten im Internet bestellen. Ihr Interesse an Warensendungen endet offenbar direkt nach dem Bezahlen. Eine Nachbarin nimmt mich als Dienstleister inzwischen richtig ernst. Neulich klebte sie eine Haftnotiz an meine Wohnungstür, der zufolge ich das Paket am Dienstag zustellen könne.
Letzte Woche stellte ich fest, dass ich inzwischen auch Pakete für die Bewohner der Nachbarhäuser links und rechts von uns annehme. Wildfremde Leute klingeln nun abends und holen Pakete ab. Ich lasse mir die Abholzettel zeigen, weil ich bei weitem nicht mehr alle Menschen kenne, deren Post ich im Flur horte. Und es sind auch nicht alle Nachbarn freundlich. Manche reichen einfach nur stumm ihren Zettel durch die Tür und ich muss dann auf die Suche gehen. Es ist harte Arbeit, besonders das umschichten der Päckchen. Ich habe ein System entwickelt, damit ich die Sendungen schneller finde. Logistisch nicht ohne Anspruch. Und gestern Abend ist etwas Einschneidendes in meinem Leben passiert.
Es klingelte und der Manager von oben stand vor der Tür. Er grüßte freundlich und fragte nach seiner Postsendung. Dann gab er mir den Abholzettel. Ich ging nach hinten und holte das Paket, welches offenbar ein neues Kaminbesteck enthielt. Ich reichte es ihm durch die Tür und dann: Drückte er mir eine zwei-Euro-Münze in die Hand und verschwand. Ich war völlig perplex. Mein erstes selbst verdientes Geld im Dienstleistungssektor. Auf Anhieb irritierend, aber nicht ohne Zauber.