Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Trompetenkäfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 25.03.2019

623_Tauschobjekt Jugend

Auf seine Frage, ob ich mit ihm tauschen würde, wenn das ginge, antwortete ich Nick mit einem klaren „Nein“. Ich würde ungerne noch einmal sechzehn sein. Auch wenn es Vorteile hat. Man muss nicht arbeiten, man muss keine Steuererklärung abgeben und man wird nicht zum Besuch der Leipziger Buchmesse genötigt. Man kann „Fortnite“ spielen, Schokolade essen und dann und wann knutschen. Das sind die guten Seiten und wenn jugendlich zu sein aus nichts anderem bestünde, könnte man durchaus über einen Tausch nachdenken.
Aber dann muss man auch die Schattenseiten eines Lebens als Minderjähriger akzeptieren. Das Leben verdunkelt sich dann vor allem durch die Nörgelei von Erwachsenen. Wenn Pubertiere sich zum Beispiel nicht für irgendwas engagieren, wirft man ihnen mangelndes Interesse an ihrer Umwelt vor. Und wenn sie für eben diese Umwelt auf die Straße gehen, müssen sie sich von Politikern dafür anpöbeln lassen, weil sie dies in der Schulzeit machen. Es wird ihnen unterstellt, dass es ihnen lediglich um den Unterrichtsausfall gehe und nicht um die Sache an sich. Das deckt sich mit meiner Erfahrung, was die Demos gegen den Nato-Doppelbeschluss Anfang der achtziger Jahre betraf. Natürlich fuhr man auch nach Bonn zur großen Kundgebung, weil man dann nicht an Chemie, Englisch, Mathe und Geschichte teilnehmen musste. Es hat aber nichts daran geändert, dass man in den Jahren danach noch sehr sehr oft an Chemie, Englisch, Mathe und Geschichte teilnehmen musste. Insgesamt kam es durch die Abwesenheit des Chemielehrers Wolfgang P. über die Jahre zu deutlich mehr Fehlstunden als durch die Rüstungspolitik des amerikanischen Präsidenten Ronald R.
Sogar Christian Lindner hat das oder etwas ähnliches erkannt und in einem Wendemanöver, wie man es nur als Profi zustande bekommt, vorgeschlagen, man könne doch in allen Schulen einmal pro Jahr über das Klima sprechen. Diesen Vorschlag fand Nick ulkig. Er sagte: „Wo lebt der eigentlich? Wir sprechen andauernd übers Klima.“ Es ist nämlich das wichtigste Thema dieser Epoche. Schon deshalb will ich nicht mit Nick tauschen. Dann müsste ich nämlich die Fehler meiner Generation ausbügeln und ich fürchte, das ist kaum zu schaffen.
Und es gibt in meinem Leben ja auch an sich nichts, was mir fehlt. Außer Schlaf. Ich würde so unfassbar gerne mal ausschlafen. Eigentlich hindert mich auch niemand daran. Ich muss ja morgens gar nicht mehr früh aufstehen. Mein morgendlicher Service, bestehend aus Müsli oder Rührei mit gepresstem Orangensaft, für den ich zehn Jahre lang morgens um halb sieben das Bett verlassen habe, wurde vor kurzem für immer storniert. Carla fährt nicht mehr mit dem Schulbus. Und Nick hat mir erklärt, er brauche morgens kein Frühstück. Er könne gut darauf verzichten. Er habe sich nie getraut, mir zu sagen, dass er eigentlich morgens gar keinen Appetit habe. Jahrelang habe er Müsli oder Ei mit Toast nur gegessen, um mir eine Freude zu machen.
Er will nicht einmal mehr geweckt werden Aber ich wache trotzdem jeden Tag sehr früh auf und sehe nach, ob er aufgestanden ist. Ich möchte nicht, dass er mich hört oder sieht, also spioniere ich ihm hinterher. Wenn er weg ist, gehe ich nicht mehr ins Bett, denn ich kann sowieso nicht mehr schlafen. Dafür mache ich Mittags ein Nickerchen. Aber richtig ausgeruht bin ich nie. Im Gegensatz zu Nick. Er schläft ganze Wochenenden. Ich glaube, dass es auf der ganzen Welt gar nicht so viele Träume gibt, wie er zum Schlafen braucht. Er steht sonntags nicht vor 16 Uhr auf, streckt sich dann und legt sich noch mal hin. Dieses Schlaftalent ist das einzige, worum ich ihn und seine Freunde beneide.
Ich habe ihn dann auch gefragt, ob er denn mit mir tauschen wolle. Er hat gesagt, dass die Aussicht auf mehr Geld und die Möglichkeit der freien Ferienplanung schon verlockend seien. Andererseits wirke ich auf ihn immer so getrieben, so unentspannt. Die Sache mit der Arbeit und den ganzen Verpflichtungen sei ihm zu blöde. Außerdem hätte ich einen unnatürlichen Schlafrhythmus, das sei ihm zu stressig. Er schüttete Milch auf sein Crunchy-Müsli, stand auf und ging mit dem Schälchen noch mal ins Bett. Ich deckte ab und war neidisch auf ihn. Knuspriger Vogel Jugend!