Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nasszelle … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 01.04.2019

624_Rent a Wutbürger

Liebe Feministinnen! Heute habe ich eine Bitte an Euch. Ihr müsst mal für mich ganz laut werden, denn mir hört ja nie jemand zu. Euch schon. Ihr könnt Gedichte von Häuserfassaden herunternörgeln und Universitätsverwaltungen zwingen, die deutsche Rechtschreibung außer Kraft zu setzen. Ihr könnt mit Eurer Power eigentlich alles erreichen. Daher meine Bitte um Euren Einsatz in einer zumindest in meinen Augen brisanten und relevanten Angelegenheit. Ich hätte gerne, dass ihr gegen das steindumme Wort „Mädel“ vorgeht.
Wenn Heidi Klum von „Mädels“ spricht, läuft es mir jedes Mal eiskalt den Rücken herunter. Sie wäre wahrscheinlich hervorragend als Reichsleiterin des „Bundes deutscher Mädel“ geeignet gewesen. Man liest den Begriff auch im Kontext von Herrenmagazinen oder im Zusammenhang mit Frauenfußball. Ich finde, diese altväterliche Verkleinerungsform ist ein erniedrigendes und ein belastetes Wort. Frauen, die eine abendliche Zusammenkunft mit ihren Freundinnen „Mädelsabend“ nennen, sollten darüber nachdenken, wie sie auf diese Weise schon zu ihrer eigenen Unterdrückung beitragen. Also bitte, Aktivistinnen, sorgt dafür, dass das blöde pseudomoderne „Mädel“ aus dem Sprachgebrauch gestrichen wird.
In diesem Zusammenhang kam mir soeben eine ziemlich brillante Geschäftsidee. Ich nenne sie Rent a Wutbürger, abgekürzt „Raw!“ Empörung zum Mieten. Das müsste doch gehen, denn nicht nur Feministinnen stehen ständig unter Strom, sondern irgendwie: Wir alle. Sachliche Beiträge oder gar so genannte Argumente sind kaum noch gefragt. Einmal richtig auf Touren wird zügellos gegen die Autokonzerne gekeilt, dann gegen Mesut Özil oder gegen Asylbewerberheime oder gegen Gülle oder gegen Plastik oder gegen Grillen auf dem Balkon oder gegen das europäische Parlament oder gegen den Abriss von Häusern oder gegen den Bau von Häusern oder gegen Windkraft oder gegen alle Paketboten oder gegen den Brexit oder gegen den Kohlebergbau oder gegen die Elektromobilität oder gegen eine Frau, die keine Kleinkinder in ihrem Cafè haben möchte. Was natürlich ganz ungeheuerlich ist.
Das so genannte Framing von Begriffen sorgt dafür, dass in der Debatte über das digitale Urheberrecht gar nicht mehr über das Urheberrecht debattiert wird, sondern um die technische Ausgestaltung von Software. In der Klimafrage geht es nicht mehr um das Klima, sondern darum, an welchen Wochentagen man dafür oder dagegen protestieren darf. Und in der Gleichstellungsdiskussion werden die wichtigen Gerechtigkeitsthemen davon überschattet, dass sich erwachsene Menschen ernsthaft damit auseinandersetzen, ob es Bürgermeisterin oder nicht konsequenterweise gleich Bürgerinnenmeisterin heißen müsste.
Wir sind von außen betrachtet, schon ein ausgesprochen ulkiges Völkchen, wir Deutschen. Vielleicht liegt es ja daran, dass wir ein im internationalen Vergleich recht sorgenfreies Leben führen. Da es also bei uns weder eine zu beseitigende Diktatur, noch nennenswerte von der Regierung verschuldete Hungersnöte gibt, muss die Wut irgendwo hin. Und diese ungerichtete Zornventilation müsste sich doch dann monetarisieren lassen können.
Ich plane daher die Gründung dieser Agentur namens Rent a Wutbürger. Leute, die Bock darauf haben, ihre schlechte Laune öffentlichkeitswirksam zu artikulieren, können sich bei mir melden und werden dann von mir auf Demonstrationen geschickt. Sachkenntnis ist soweit nicht nötig, aber es gibt kleine Lunchpakete mit Capri-Sonne und Butterbrot. Auf der anderen Seite können diese Demos von interessierter Seite bei mir bestellt werden.
Einen kleinen Menschenauflauf wegen mangelhafter Mülltrennung gibt’s schon ab 50 Euro, mit Vuvuzela-Tröten für achtzig. Proteste gegen Fahrpreiserhöhungen mit 100 Personen organisiere ich unter der Mitwirkung wütender Rentner ab 150 Euro und einen lustigen Furor von richtig erbosten eierwerfenden Mitbürgern gegen das Regietheater gibt es schon ab 300 Euro. Und dann hätte ich noch zwei Pubertiere im Angebot, die lautstark und wütend gegen die Anschaffung von falschen Chips-Sorten zu Felde ziehen. Die beiden sind regelrechte Demo-Panzer. Kaum zu bremsen und nur mit Barbecue-Chips zu beruhigen.