Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Cliff Barnes … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 08.04.2019

625_Luanas Welt der Reinlichkeit

Wofür die Stadt besser geeignet ist als das Dorf ist: die Gestaltung der Mittagspause. Auf dem Land sind Alternativen rar und es kann sein, dass sich eines Tages Langeweile und ein allgemeiner Lebens-Verdruss einstellen, was einem die 4729. Leberkässemmel mit süßem Senf vom Dorfmetzger verleidet. Lebt man hingegen in einer Großstadt, kann der Mittag variantenreich verbracht werden. Das ist für mich eine neue Erfahrung, denn ich lebe erst seit kurzem in der Stadt. Und zwei Mal in der Woche befinde ich mich zwischen 12 Uhr und 14 Uhr in Wirklichkeit gar nicht in der Pause, sondern auf der Flucht.
Ich möchte dann lieber draußen sein, denn unsere neue Putzfrau bringt mich sonst noch um den Verstand. Eigentlich können wir uns nicht über Luana beklagen, denn grundsätzlich ist sie die ideale Besetzung in diesem Berufsfeld. Sie leidet nämlich offenbar an Mysophobie. So nennt man die übersteigerte Form von Angst vor Keimen, Schmutz und Ansteckung. Luana begegnet dieser Furcht mit Ehrgeiz und schier übermenschlichem Einsatz gegen Staub, Kalk, Schmutz, Milben, Flecken, Krümeln und überhaupt jedweder Art von Verunreinigung. Das führt im Ergebnis zu einer tornadohaften Reinigungsleistung. Das ist gut, allerdings müssen wir dafür schmerzliche Opfer bringen. Luana hat bisher einen Apfelschneider, einen Spiegel, eine Fernbedienung, eine Obstschale einen Kaffeedrücker und ein Bild zerstört. Es handelte sich um Gegenstände, die sich ihr entweder wiedersetzten oder einfach im Weg waren.
Ständig klirrt, klimpert und kracht es irgendwo in der Wohnung. Dann geht man nachsehen, ob sie sich verletzt hat. Das ist aber in der Regel nicht Fall. Meistens hält sie dann etwas in der Hand und sagt ratlos, aber ohne jedes Bedauern, es sei einfach so plötzlich kaputt gegangen. Der Espresso-Tamper zum Beispiel. Ich habe ihn zwanzig Jahre lang täglich benutzt, um Kaffeepulver im Siebträger anzudrücken. Und ich hätte mir niemals vorstellen können, dass so ein Ding überhaupt durchbrechen kann. Kann es aber, Luana hat es bewiesen.
Das zweite Problem, dass mich aus dem Haus treibt, ist ihre Neigung, Arbeitsfortschritte in ausführlichen Putz-Bulletins vorzutragen. Man sitzt am Schreibtisch und konzentriert sich, da klopft es an der Tür und Luana bittet um Aufmerksamkeit. Dann muss man gucken kommen und über die Wohnzimmertür fahren. Wenn ich ihr gesagt habe, dass die Türen noch nie so sauber waren wie heute, schimpft sie. Man dürfe Türen gar nicht berühren. Höchstens an den Klinken. Und auch dort nur, wenn man sich ein Tuch um die Hand gewickelt habe.
Sie schimpft viel mit uns. In Luanas Augen sind wir Höhlenmenschen, denn wir trocknen uns mehrere Tage lang mit denselben Handtüchern ab und manchmal steht benutztes Geschirr in der Spüle. Unser Sohn Nick – den sie noch nie gesehen hat, weil er immer in der Schule ist, wenn sie kommt – ist für sie eine Mischung aus Satan und einem Erdferkel. Mit ausgestrecktem Arm trägt sie seine Müslischälchen in die Küche, lüftet unter lautem Prusten sein Zimmer und behauptet, von diesem Ort gehe eine Seuchengefahr aus. Wir alle wären todgeweiht, wenn Luana nicht käme, um uns vor den Keimen zu retten.
Sie verbraucht Reinigungsmittel in einer Größenordnung, die den Verdacht nahelegt, dass sie das Zeug aus der Wohnung schmuggelt, um damit heimlich einen Großhandel zu betreiben. Ihr Bedarf an Küchenrollen ist besorgniserregend. Ich glaube, dass sie diese heimlich auf dem Klo verspeist. Anders ist es nicht zu erklären, dass sie pro Besuch bis zu drei Rollen vernichtet. Das sind immerhin 135 Blatt, und zwar dreilagig.
Für diese Theorie spricht mein Experiment von vorgestern. Ich nutzte die Mittagspause, um den Küchenrollen-Vorrat aufzustocken und probierte eine andere Sorte aus. Zweilagig, etwas günstiger, aber angeblich auch reißfest. Ich stellte die Zellstoff-Köstlichkeit auf den Esstisch und ging ins Arbeitszimmer. Als Luana ging, grüßte sie nur knapp und äußerst missmutig. Ich sah nach und tatsächlich hatte sie lediglich zwölf Blatt verbraucht. Wahrscheinlich schmeckt die Marke einfach nicht. Aber meine Freude währte nicht lang, denn ich musste feststellen, dass Luana einen Klopapierhalter abgebrochen hat. Wie um alles in der Welt ist es möglich, beim Drüberwischen einen Klopapierhalter abzubrechen? Rätselhafte Welt der Mysophobie!