Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bananenkrümmer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 15.04.2019

626_Geheimnisse von der Straße

Wenn ich vor Luana, unserer rauschhaft reinigenden Putzfrau, in die Mittagspause flüchte, unternehme ich manchmal Spaziergänge durch die Stadt. Dann esse ich etwas, sitze in einem Café und lausche den Gesprächen an Nachbartischen. Ich finde daran nichts unhöflich, im Gegenteil! Ich nehme Anteil am Leben anderer. Unhöflich sind ja eher sie, weil sie einem ihre Angelegenheiten förmlich aufdrängen. Niemand wird dazu gezwungen, so laut zu sprechen, dass ich höre, was er sagt.
Aber insbesondere am Telefon hat sich Schamlosigkeit breitgemacht. Vor einiger Zeit erlebte ich einen Manager von ProSieben, der sich in einem epischen Monolog beim Friseur sämtlicher Betriebsgeheimnisse seines Unternehmens entledigte. Und da gleichzeitig an einem anderen Platz geföhnt wurde, teilte er die Strategie des gebeutelten TV-Senders nicht nur seinem telefonischen Gesprächspartner und mir mit, sondern allen acht Kunden sowie dem Personal. Es gibt jetzt sechzehn Menschen auf diesem Planeten, die wissen, was ProSieben in den nächsten Jahren plant, um den Niedergang des Privatfernsehens aufzuhalten. Mich fragt ja keiner nach meiner Meinung, aber ich glaube, es wird nicht reichen.
Das gilt auch für die Bemühungen eines namenlosen Herrn, die junge Frau zu besänftigen, die ihn auf der Straße zusammenpfiff. Ich mag es ganz besonders, wenn man wie in diesem Fall im Vorbeigehen nur einen Satz, oder sogar nur das Fragment eines Satzes aufschnappt. Das beflügelt die Phantasie. Und so hörte ich also die aufgebrachte Frau nörgeln: „Hast Du mich angerufen, weil Du mich sehen wolltest, oder hatte Katja bloß keine Zeit.“ Das ist wirklich eine sehr interessante Frage. Sie berührt den Kern fast aller modernen Beziehungen. Es hätte nun drei Repliken gegeben, mit denen er die empörte Frau binnen Sekunden zum Schweigen gebracht hätte. Nummer eins: „Katja ist tot.“ Nummer zwei: „Hä? Ich dachte, Du bist Katja!“ Nummer drei: „Wieso? Ich habe Dich gar nicht angerufen.“ Die Antwort des Mannes habe ich leider nicht mitbekommen. Aber in seinem Gesicht konnte ich deutlich lesen, dass er sich nichts Sehnlicheres gewünscht hat, als Katja neben sich zu wissen.
Als ich gestern an der Eisdiele vorbeiging, die unten in unserem Haus eröffnet hat, hörte ich einen Mann einen ganz seltsamen Satz zu seiner weiblichen Begleitung sagen. Offensichtlich befanden sich die beiden bei der Auswahl von Eissorten. Der Verkäufer wartete mit erhobener Kugelzange und da sagte der Kunde: „Von Vanille krieg‘ ich Sprühstuhl.“ Das ist entschieden mehr, als man jemals von einer fremden Person wissen will. Ich nehme jedoch an, dass es sich um eine rhetorische Formulierung handelte und der Mann nur zum Ausdruck bringen wollte, dass ihm Vanille nicht so schmeckt. Er wollte dabei originell sein. Und das wiederum bringt mich zu der Erkenntnis, dass er die Frau an seiner Seite noch nicht lange kannte. Er wollte sie mit Witz beeindrucken. Ich fürchte aber, dass er dafür einen falschen Weg gewählt hat. Es kann nämlich sein, dass die Frau erstens Tagebuch führt und zweitens die Erbin des führenden europäischen Vanille- Exporteurs ist. Und was notiert sie abends nach der Begegnung: „Ich hatte gehofft, die Milliarden mit ihm teilen zu können, aber dann bin ich heute mit Rainer in der Eisdiele gewesen. Große Enttäuschung. Er wird nicht in Vaters Firma einsteigen können, denn er bekommt von Vanille Sprühstuhl. Werde den Kontakt abbrechen, mich wieder mit Wolfram treffen. Er ist dumm wie Dosenbrot, aber er liebt Vanille.“
Ich nehme im Café Platz, wo ich gerne so tue als würde ich lesen. In Wahrheit spitze ich aber die Ohren. Am Nebentisch telefoniert eine Frau. Erst verstehe ich nichts, aber dann dringt ein Satz zu mir. Sie sagt: „Natürlich kannst Du‘s runterschlucken. Aber es ist halt ein Zäpfchen.“ Und da fragt man sich natürlich: Mit wem spricht sie da? Mit einer Freundin? Mit ihrer Mutter? Wahrscheinlich nicht. Folgende Theorie: Es handelt sich um ein Kind. Denn Zäpfchen, zum Beispiel Fieberzäpfchen, sind ja für Kinder. Daher die Verkleinerungsform. Zäpfchen. Wie Schokolädchen. Oder Äpfelchen. Erwachsene bekommen keine Fieberzäpfchen. Bei Erwachsenen muss es Zapfen heißen. Der Gedanke, dass man als Erwachsener einen Fieber Zapfen bekommt, verfolgt mich für den Rest des Tages.