Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Unterwäschemodel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 22.04.2019

627_Die große Arbeit

Jedes Jahr kurz vor Ostern bricht an der Schule unseres Sohnes Nick Hektik aus, denn die Jahresarbeiten der achten Klasse müssen vorbereitet und präsentiert werden. Das haben wir bereits zwei Mal hinter uns gebracht. Carla präsentierte damals in der voll besetzten Aula einen Schuh, den sie nicht nur selber entworfen, sondern auch eigenhändig hergestellt hatte. Es war ein schöner Schuh aus gelbem Leder, dennoch endete ihre Vorstellung konfliktreich, weil ein Lehrer auf die unsensible Idee kam zu fragen, was denn mit dem zweiten Schuh sei. Carla hatte nur einen angefertigt, weil die Zeit nicht für ein ganzes Paar gereicht hatte. Außerdem war sie der Meinung, dass es nur eines Schuhs bedurfte, um ihren Entwurf zu verstehen. Dann hüpfte sie ärgerlich auf einem Bein in ihrem Schuh von der Bühne.
Nick machte es sich vier Jahre später leichter. Das Thema seiner Jahresarbeit lautete: „Leberkäs im Wandel der Zeiten.“ Der Vortrag über die Kulturgeschichte der auch Fleischkäse genannten Köstlichkeit dauerte ungefähr eine Minute. Danach ging Nick zum praktischen Teil über und schnitt einen ganzen, von ihm selbst gekauften Leberkäs in Scheiben, die er mit Semmeln und süßem Senf an das begeisterte Publikum verteilte.
Ich dachte, die Zeiten der Jahresarbeit wäre für immer vorbei, aber da habe ich nicht mit Ulrich Dattelmann gerechnet. Er ist der Chef des Schulvereins und alle Eltern müssen Arbeitsstunden absolvieren, die Dattelmann einträgt und kontrolliert. Und wenn man damit im Rückstand ist, ruft er an und verpflichtet einen zu Frondiensten. Und so musste ich vor den Osterferien einen ganzen Abend lang bei der Präsentation der Jahresarbeiten extrem trockenen Kuchen aus eigener Produktion verkaufen. Der Nachteil daran war, dass ich verklagt werde, falls jemand von meinem staubigen Gebäck Asbestose bekommt. Der Vorteil war, dass ich alle 37 Vorträge genießen durfte.
Hier sind meine drei Lieblingsvorstellungen dieses Jahres. Auf Platz drei: Rupert und seine Möhrenstempel. Vollkommen unbeweglich und ohne jede Betonung führte Rupert zunächst in die Welt der Stempel ein. Nachdem er ohne jede Gefühlsregung dargelegt hatte, dass im Allgemeinen sowohl runde als auch eckige Stempel aus Holz, Kunststoff oder Metall Verwendung fänden, führte er aus, dass er ein neues Material zur Stempelherstellung entdeckt habe. Dann sagte er den großen Satz: „Sicher haben sie auch eine Möhre zuhause.“ Er zeigte dann anhand von Fotos, wie er aus zwei handelsüblichen Möhren zwei Stempel mit seinen Initialen geschnitzt hatte. Und er schloss mit der zutreffenden und etwas melancholischen Feststellung, dass er noch an einer Haltbarkeit seiner Stempel arbeiten müsse, da diese leider innerhalb kurzer Zeit verfault seien. Er werde bis zu einer Lösung dieses Problems zunächst mit Holzstempeln weiterstempeln.
Auf Platz zwei: Ricarda und der French Cancan. Die als französische Nachtclubtänzerin verkleidete Ricarda hielt sich nur kurz mit dem theoretischen Kern ihrer Jahresarbeit auf, bat dann um Musik und donnerte zur Musik von Jacques Offenbach über die Bühne, dass sämtlichen Eltern der Atem stockte. Mit dem vorletzten Takt nahm sie Anlauf und sprang ihrer Lehrerin Frau Diehm in die Arme, die damit nicht gerechnet hatte und mitsamt der feurigen Ricarda taumelnd nach rechts abging.
Auf Platz eins: Jonathan. Er trug Lyrik vor. Zunächst aber beschwerte er sich über alle Lehrer und seine Mitschüler, weil sie sein Genie nicht verstünden. Dann klagte er Deutschland an, weswegen weiß ich nicht, weil er so nuschelte. Und schließlich begann er mit seinem Gedicht, welches darin bestand, dass er Prosa merkwürdig abgehackt vorlas. Er murmelte sich bald in Rage, ohne dass ihn jemand verstehen konnte. Und als schließlich jemand „lauter“ rief, warf er seine Blätter auf den Boden und ging übergangslos zur Beschimpfung des Störers über. Er nannte uns alle dann Nichtsnutze und arrivierte bürgerliche Arschgeigen und wurde schließlich vom Direktor von der Bühne begleitet. Die Empörung war riesig. Später hörte ich dann, es sei alles, inklusive des Gemurmels und des Zwischenrufes ein kleines sorgsam einstudiertes Theaterstück gewesen. Und so etwas mit vierzehn Jahren. Respekt!