Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Cliff Barnes … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 29.04.2019

628_Versagen und verblüffen

Es ist schmerzlich, wenn jemand an seinen Aufgaben scheitert. Wenn also ein Mensch einfach nicht dazu in der Lage ist, zu vollbringen, was er selber und was die anderen von ihm erwarten. Wenn also zum Beispiel eine Komikerin vor einem nach Millionen zählenden Fernsehpublikum einfach nicht komisch ist, dann hat das etwas Tragisches, wenn auch etwas Tragikomisches. Oder wenn die von einem neuen Trainer angeleitete Mannschaft lediglich ein einziges von fünfzehn Spielen gewinnt. Hier wird es besonders bitter, denn gefeuert wurde jüngst lediglich der Trainer, nicht sämtliche versagenden Spieler. Oder wenn jemand sich das Leben nehmen möchte, indem er sich selber mit einer Kettensäge zu enthaupten versucht, die Sache jedoch buchstäblich nicht durchzieht und mit einem angesägten Halswirbel im Rollstuhl landet. Wie kommt es zu solch epischem Scheitern?
Ich denke, dass die Menschen entweder ihren Job nicht wirklich können, oder sie mögen ihn nicht und versehen ihn aus Verdruss nachlässig und fehlerhaft. So wie Daniel Kochanski. Der Mann war Gerichtsschreiber in New York und hatte bei Verhandlungen zu protokollieren, was Beteiligte ausführten. Das ist eine stille aber wichtige Aufgabe, denn seine Mitschriften dienten der Wahrheitsfindung und da muss man schon konzentriert zuhören. Gerechtigkeit erfordert Genauigkeit in allen Gewerken!
Man muss nach Durchsicht von Kochanskis Arbeiten konstatieren, dass er nicht eins mit seiner Aufgabe war, denn große Teile seiner Niederschriften bestanden aus der mantra-artigen Wiederholung des Satzes: „I hate my job.“ Es ist nicht anzunehmen, dass sämtliche Verfahrensbeteiligten von Gerichtsprozessen in Manhattan immer nur den Satz „I hate my Job“ geäußert haben. Manchmal tippte Kochanski auch sinnlos aneinandergereihte Buchstaben oder aus dem Zusammenhang gerissene Sätze. Eigentlich hätten da Fragen und Antworten stehen müssen, aber Kochanskis Protokolle lasen sich wie Gedichte von Kurt Schwitters. Nur nicht so schön. Interessanterweise flog das wirre Wirken des Stenografs erst nach Jahren ununterbrochener beruflicher Tätigkeit auf. Aber ich glaube diesem krassen Beispiel zum Trotz, dass das Scheitern wegen erwiesener Unlust seltener ist als jenes, dass aus purer Unfähigkeit erwächst.
Wobei das Nichtkönnen ganz viel zu tun hat mit nie gelernt haben. Und daraus kann man den überforderten Menschen nicht unbedingt einen Vorwurf machen. Vorgestern zum Beispiel kam unser Nick an und erklärte, er brauche ein neues Fahrrad. Das leuchtete mir nicht recht ein, denn das Ding ist erst wenige Monate ein. Es habe einen platten Reifen, sagte Nick und zuckte mit den Schultern. Er lebt in einer Dienstleistungswelt. Entweder, das macht jemand oder man kauft einfach was Neues. Das fand ich im Falle des Reifens sehr schade, denn das Flicken von Fahrrädern war in meiner Kindheit eher so etwas wie eine Kulturtechnik, um ins Gespräch mit Nachbarn und Freunden zu kommen. Man saß vor dem Haus und gummierte die schadhafte Stelle und es war ein Spaß.
Aber die Zeiten, in denen man bei der Anschaffung eines Fahrrades auch eine Dose mit Gummiflicken, Kleber und Sandpapier erhielt, sind wohl vorbei. Man rechnet damit, dass die Leute ihre Räder sofort wegwerfen oder in eine Werkstatt bringen. Aber nicht mit mir. Ich hatte nämlich noch Flickzeug im Werkzeugkasten und ließ Nick sein Rad in die Wohnung schleppen. Dann verblüffte ich ihn damit, dass ich das Hinterrad in Windeseile ausbaute, mit einem Schraubenschlüssel zwischen Mantel und Felge fuhr, den Schlauch entnahm und aufpumpte. Dann hielt ich ihn ins Waschbecken, um zu sehen, wo die Luft entwich. Ich trocknete die Stelle, raute sie auf, gab Kleber hinzu und dann einen Flicken, den ich mit einer Tasse beschwerte. Schließlich pfriemelte ich Schlauch und Mantel wieder auf die Felge, schraubte das Rad in den Rahmen, zog die Kette auf, pumpte Luft in den Reifen, stellte das Fahrrad vor Nick ab und sagte „Bittesehr.“ Ich habe noch nie eine derartige, geradezu schockartige Bewunderung in seinen Augen gesehen. „Sowas kannst Du,“ stammelte er. Ich tat so, als sei das etwas Besonders. Dabei konnte das früher jedes Kind. Wirklich jedes.