Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Blumenkohl … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 13.05.2019

630_Ordnungssinn und Regelsucht

Unsere deutsche Bereitschaft alles im Leben zu normieren, begeistert mich immer wieder aufs Neue. Selbst wenn man etwas macht, was eigentlich verboten ist, hat man sich gefälligst an Regeln zu halten. Und wenn es keine gibt, dann macht man eben welche. Im Görlitzer Park in Berlin zum Beispiel sollen die Dealer nur noch in bestimmten Bereichen ihrer Tätigkeit nachgehen. Es würde mir gut gefallen, wenn man ihnen ihre Standorte zudem noch nach Drogen zuweisen könnte. Gras gibt es dann nur noch bei der Schaukel, MDMA bei den Haselnusssträuchern und Heroin auf der Parkbank links. Man könnte zusätzlich Preistafeln wie bei Tankstellen aufstellen, damit man als Kunde die Angebote vergleichen kann.
Herrlich. Und ich hätte da noch weitere Vorschläge, zum Beispiel die allgemeine Gurtpflicht am Tresen. Ich habe nämlich neulich gehört, dass die häufigste Verletzung auf All-inclusive-Kreuzfahrten die Kopfplatzwunde ist. Sie entsteht, weil unmäßige Zecher gerne mit dem Schädel auf der Bar den Abend beschließen. Außerdem sollten auf sämtlichen AIDA-Schiffen zusätzlich Airbags in die Theken eingebaut werden.
Das wird kommen, ganz sicher. Die Thekensicherheitsverordnung. Aber natürlich mit Ausnahmen. Aus Gerechtigkeitsgründen gibt es bei uns immer Ausnahmen. Und Härteregelungen sowie Sonderregelungen, die in Arbeitskreisen diskutiert werden. Und selbst wenn etwas nach allen Regeln von Recht und Gesetz ausgeführt wird, kann man anschließend noch daran herummeckern und reklamieren. So wie die beiden Wanderer, die vor kurzem von gleich siebzehn Angehörigen der Tiroler Bergwacht gesucht und gerettet werden mussten. Einer der Verunglückten, ein Rechtsanwalt, fand hinterher, dass weniger Einsatzkräfte auch gereicht hätten. Die Rettung seines Lebens sah er nach Lage der Dinge als überteuert an und weigerte sich, die Rechnung zu bezahlen.
Und die deutschen Abiturienten fanden ihre Mathe-Prüfungen zu schwer. Den Befund teile ich. Ich habe mir einige Aufgaben angesehen und kann nur sagen: Wer soll das denn ausrechnen können? Und vor allem: Warum? Egal. Wie immer, wenn uns Deutschen etwas nicht passt und wir keine Gesetze machen können, weil uns dafür das Mandat fehlt, toben wir uns mit einer Petition aus. Die Petition ist sozusagen die Gesetzesnovelle des kleinen Mannes. Auch gegen das Mathe-Abi wurde jetzt eine Petition formuliert.
Die Online-Plattform für derartige Anliegen beeindruckt mich sehr. Sie präsentiert momentan über 800 Petitionen und diese bilden spiegelbildlich das Befinden von uns Deutschen ab – und auch jenes unserer österreichischen Nachbarn, die ich wesentlich deutscher finde als uns. In Österreich bemüht sich eine Petition allen Ernstes darum, dass die schreckliche Kaffeekette Starbucks endlich einen Laden in Oberösterreich eröffnet. In der Begründung heißt es: „In Oberösterreich gibt es keinen Starbucks. Nicht einmal in Linz. Anstatt darauf zu warten in eine der umliegenden Bundesländer zu kommen, um den einzigartigen Kaffee von Starbucks zu bekommen, können wir versuchen Starbucks zu uns zu bringen!“ Bisher haben sich nur recht wenig Unterzeichner bereitgefunden, diese dringende Forderung zu unterstützen. Zu meinem Bedauern ist auch meine Lieblings-Petition mit etwa 400 Unterstützern nicht sehr erfolgreich. In ihr wird die Anerkennung der Dyskalkulie als Teilleistungsschwäche an jeder Schule gefordert. Das wäre auch meine Rettung, ginge ich noch zur Schule. Ich war eine furchtbare Niete in Mathe und ich bedauere, dass ich die Schönheit der Zahlenwelt nicht in mein Herz gelassen habe. Wirklich. Unser Nick ist ähnlich mäßig begabt. Und er befindet sich gerade im Prüfungsstress.
Seine Strategie besteht darin, in anderen Fächern gut zu sein, um die schlechte Mathe-Note auszugleichen. Bei mir hat dieser Plan damals nicht funktioniert. Ich spreche unseren Sohn also darauf an und empfehle ihm, lieber auf eine Drei als auf eine Vier Minus zu lernen. Aber er leckt nur den Joghurt-Deckel ab und sagt beiläufig. „Alder. Ich bin doch nicht blöd und versaue mir das Leben mit Mathelernen.“ Habe ich damals auch nicht gemacht und durfte zur Belohnung ein ganzes Jahr länger auf der Schule bleiben. War aber gar nicht schlimm.