Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Nasszelle … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 20.05.2019

631_Zuhause im Callcenter

Zuhause im Callcenter

Das Festnetz hätte ich mir übrigens sparen können. Unsere Tochter Carla war auch sehr erstaunt darüber, dass ich beim Umzug überhaupt noch einen Telefonanschluss bei der Telekom bestellte. Sie sagte, dass kein normaler Mensch mehr so etwas habe. Und dass sie sich eher in den Fuß schießen würde, als mich auf meiner grotesken Nummer mit Ortsvorwahl anzurufen. Sie absolviert Telefonate ausschließlich über WhattsApp und ein herkömmliches Telefon ist für sie so etwas wie ein Saurierknochen. Sie war kaum davon zu überzeugen, sich die Nummer wenigstens für Notfälle zu notieren.
Und so ganz Unrecht hat sie damit nicht. Man muss nach vier Monaten konstatieren: Nicht mal meine Mutter benutzt die Festnetznummer. Sie ruft immer auf dem Handy an, weil sie davon ausgeht, dass ich nicht zuhause bin. Als sei ich Schäfer oder Streifenpolizist oder flüchtiger Bankräuber. Natürlich bin ich zuhause. Ich muss schließlich arbeiten, kochen und Belege sortieren. Ich kenne niemanden, der so etwas in der Straßenbahn oder im Fußballstadion macht. Die Chance, mich an meinem Arbeitsplatz zu erwischen, ist recht groß.
Dennoch rief von Beginn an fast niemand an. Wenn ich fast sage, muss ich einräumen, dass eigentlich sogar recht viele Anrufe kamen, bestimmt drei am Tag. Sie waren bloß nicht für mich. In der Regel befanden sich auf der anderen Seite der Leitung Frauen, die ein Spaghetti-Träger-Kleid oder einen Rock reklamieren wollten.
Als der erste Anruf kam, das war im Januar, bügelte ich die Dame rasch mit dem Hinweis ab, sie habe sich verwählt. Wenige Sekunden später hatte ich sie wieder am Apparat. Sie hatte sich noch einmal verwählt und legte sofort auf. Nach drei Tagen fragte ich eine Anruferin, wen sie eigentlich habe erreichen wollen und sie nannte den Namen eines Bekleidungsgeschäftes. Tatsächlich fanden wir gemeinsam heraus, dass sie sich keineswegs vertan hatte. Meine Nummer stand im Facebook-Auftritt dieses Ladens. Ich rief mit meinem Handy dort an und wunderte mich nicht schlecht darüber, dass mein Bürotelefon klingelte. Also schickte ich eine Nachricht und bat darum, die Nummer zu ändern. Keine Antwort. Ich googelte und fand die Website des Geschäftes, aber dort stand keine Rufnummer und mein schriftliches Kontaktgesuch lief ins Leere. Kein Wunder, denn man konnte zwar sehr viele Themen ankreuzen, darunter „Größe stimmt nicht“, „Artikel gefällt nicht“ oder „falsche Farbe“. Aber für mein Anliegen, nämlich „sie verwenden auf Facebook meine Telefonnummer“ gab es kein Feld zum Anklicken.
Nachdem ich hilfsweise angekreuzt hatte, dass mein Kleid beschädigt sei, erhielt ich immerhin eine automatische Antwort, derzufolge ich die Ware kostenfrei zurückschicken könne. Während dieser mühsamen Kommunikation nahm ich weiter die telefonischen Beschwerden von unzufriedenen Kundinnen entgegen. Manchmal waren das interessante Gespräche, denn die Frauen berichteten dann ganz freimütig von ihren Überbeinen und dass die Schuhe deswegen nicht passten. Mehrfach wurde ich sehr für meinen charmanten Umgang mit den Reklamationen gelobt. Wenn sich herausstellte, dass ich nicht bei der Firma arbeitete, waren die Frauen keineswegs verärgert, sondern plauderten gerne noch weiter. Das Online-Geschäft mit Damenkleidung eröffnet vielfältige Möglichkeiten, Frauen und ihre Problemzonen kennenzulernen. Ich gewöhnte mich an die Anrufe und ich glaube, ich könnte morgen im Fachhandel anfangen, so gut kenne ich mich inzwischen aus.
Aber dann hatte ich viel zu tun und die Anrufe störten doch. Also fuhr ich quer durch die Stadt zu der Adresse, die im Facebook-Profil stand. Dort befindet sich aber kein Modeladen, sondern ein kleines Architekturbüro. Die Inhaberin erzählte mir, dass es das Modegeschäft nur noch Online gebe. Sie kenne aber die Besitzerin und könne sie bitten, ihre alte Telefonnummer aus dem Profil zu löschen. Das geschah am Montag.
Seitdem ruft überhaupt niemand mehr an. Niemand will mehr ein Kleid umtauschen, keiner schimpft über Sandalen oder abgebrochene Gürtelschnallen. Meine Festnetznummer hat endgültig ihren Sinn verloren. Es ist zutiefst unheimlich und traurig.