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Mein Leben als Mensch — Verfasst am 27.05.2019

632_Ganz großes Karo

Natürlich war ich der Meinung, dass mein Anliegen wichtig sei. Meine Anliegen sind immer wichtig. Ich betrat das Zimmer meines Sohnes also gleichzeitig klopfend und öffnend, schritt hinein, stolperte über einen Sportschuh, der aussah wie eine Bügelstation und rief: „Das Altpapier! Jetzt“. Wir haben nämlich eine klare Aufgabenverteilung. Ich die Flaschen, Nick das Papier. Ich finde das zumutbar und auch er ist mit dieser Regelung sehr zufrieden, weil ich nicht nur die Flaschen entsorge, sondern auch das Altpapier. Er macht es nicht. Er kündigt es immer an, aber dann kommt nichts. Vielleicht sollte er beim Berliner Flughafen anfangen. Ich stelle das Papier vor die Garderobe, er steigt drüber. Ich stelle es vor seine Tür, er fällt drüber. Ich stelle es auf sein Bett, er schläft darauf.
In der letzten Woche türmte sich wieder ein voralpenhafter Papierberg im Flur, also ging ich zu Nick. Er saß an seinem Schreibtisch und sah sich ein Video an und wollte nicht gestört werden, weil das gerade wichtiger sei als mein blödes Altpapier. Er kann sich stundenlang Videos ansehen, in denen Menschen Computerspiele spielen. Oder ihre Lieblingssongs kommentieren. Oder bescheuerte Rezepte mit Sprühsahne, Nuss-Nougat-Creme und Müsli ausprobieren.
Aber dieses Video war anders. Nick hörte sich gebannt die Ausführungen des blauhaarigen Youtubers Rezo an. Man kann nicht sagen, dass Politik ein Steckenpferd unseres Sohnes sei. Insofern fand ich beachtlich, dass er dranblieb. Immerhin dauert der Film, in dem Rezo die Regierungspolitik im Allgemeinen und das Wirken der CDU im Besonderen kritisiert, fast eine Stunde. Ich setzte mich dazu und wir sahen den Film gemeinsam an. Und danach hatte Nick sogar Lust, darüber zu reden. Das fand ich sensationell. Es ist in etwa so, als würde ein Kartäuser-Mönch sein Schweigegelübde brechen und das Kufsteinlied singen.
Nick erklärte mir seinen Unmut darüber, dass junge Menschen ständig in dem Ruf stünden, zu dumm oder zu unerfahren für eine Meinung zu sein. Ich konnte ihn dahingehend beruhigen, dass dieses paternalistische Verhalten der Erwachsenen Tradition hat. In meiner Jugend hieß es dann, man möge doch zunächst etwas leisten. Oder man solle erst einmal in das Alter seines Gesprächspartners kommen. Oder man habe ja doch noch viel zu lernen.
Nun gibt es jedoch einen erheblichen Unterschied zwischen meiner Jugend und jener meines Sohnes. Unsere Kinder wissen nämlich viel mehr als wir früher. Sie beschaffen sich Informationen in Sekunden. Sie werden viel früher in die Welt geworfen und sie kennen sich viel besser darin aus. Mit anderen Worten: Sie werden schneller erwachsen als wir. Leider ist das bei den Adressaten von Rezos Video noch nicht angekommen. Es mag denen egal sein, weil blauhaarige Youtuber und Erstwähler nicht unbedingt zu ihrer Kernwählerschaft gehören. Die CDU ist sozusagen das ZDF des Politikwesens.
Fein anzuschauen war der tiefe Graben zwischen Jungwählern und Regierenden vor einiger Zeit, als die CDU-Hoffnung Philip Amthor in einer Talkshow saß und auf die Ankündigung, man werde Plastik-Strohhalme bald verbieten, in einer unnachahmlichen Affektiertheit äußerte, so ein Verbot sei „ganz kleines Karo.“ Also ganz ganz kleines Karo. Unsere Tochter Carla konnte sich gar nicht beruhigen, denn im Unterschied zu Amthor weiß sie, dass in unserem Land jährlich 40 Milliarden Plastikhalme im Müll landen – und nicht wenige davon im Meer. Von wegen „kleines Karo“. Sie nannte Amthor einen Brillen-Otto und schmierte sich so lange Käsebrote, bis die Sendung vorbei war. Auch der CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak findet bei meinen Kindern keine Gnade. Er ist bloß ein paar Jahre älter als Rezo, wirkte aber völlig aus der Zeit gefallen mit seiner Kritik am Film des Youtubers. Ganz kleines Karo könnte man sagen. Nick schimpfte den Politiker einen Sahne-Trottel.
Meine Kinder wollen von diesen Menschen nichts mehr wissen. Sie wollen, dass diese Gestalten verschwinden und Platz machen für Leute, die die Probleme dieser Welt wirklich angehen. Und zwar sofort. Nicht 2030. Ich brachte dann das Altpapier selber runter. Man kann diesen jungen engagierten Menschlein derartige Parier-Arbeiten unmöglich zumuten.