Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Unterwäschemodel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 10.06.2019

634_Oberst Jens Gaddafi

Die Zellteilung unseres großen Haushaltes in zwei kleinere Wohnungen hatte zur Folge, dass sich auch die Post halbierte. Das Seltsame daran ist, dass ich seitdem dauernd die Rechnungen bekomme und Sara die interessanten Einladungen. Vielleicht war das aber immer so und ich habe es nur deswegen nicht bemerkt, weil ich nie eine Rechnung geöffnet habe. Ich mag Rechnungen nicht, weil ihre Beachtung immer mit einer gewissen Einschränkung der Lebensqualität verbunden ist. Die einzigen Rechnungen, die mir gefallen, sind jene, die ich selber verschicke. Ich finde, das sind Meisterwerke der Gebrauchslyrik.
Was wir ebenso weitgehend aufgeteilt haben, ist unser Bekanntenkreis. Und auch da habe ich offenbar den Kürzeren gezogen. Jedenfalls sind meine Kontakte entschieden weniger amüsant als Saras. Ich bin eine Anlaufstelle für Typen, die aus irgendeinem Grund schwer vermittelbar sind. Und zwar auch mir. Keine Ahnung, woher das kommt. Vermutlich sehe ich aus wie ein Mensch gewordener Kummerkasten. Jedenfalls meldete sich letzte Woche ein seit Jahren verschollener Kumpel namens Jens. Er schrieb, dass er in der Stadt sei und fragte, ob man sich auf ein Getränk sehen könne.
Wir trafen uns in einer Bar und ich kann von diesem Abend sagen, dass ich ihn gerne vergessen würde, was mir auch zu großen Teilen bereits gelungen ist, denn Jens entpuppte sich als der langweiligste Mensch des ganzen Universums. Dafür kann er nichts. Der ist eben so. Andere Leute sind aufregend, Jens ist so langweilig, dass die Blumen an den Tapeten welken, wenn er etwas erzählt. Er ist so unfassbar öde, unbeschreiblich fad und uninteressant, dass man sich wirklich fragt, wie er es mit sich selbst in einem Raum aushält.
Er ist Wissenschaftler und erforscht irgendwas mit Nerven und Schmerzen, aber man darf ihn auf keinen Fall fragen, worum es da genau geht, weil er sonst anfängt, es einem zu erklären. Und das ist furchtbar, denn er ist der Todesengel jeder Dramaturgie, ein gnadenloser Vollstrecker des unpointierten Schachtelsatzes. Jens ist wirklich das Fallbeil der Langeweile. Nach einer guten Stunde wechselte ich das Thema und fragte, was mit Jutta sei, seiner Frau. Jens schilderte daraufhin sogar seine Scheidung derartig unaufregend, dass ich wirklich großes Mitleid mit seiner Ex bekam. Auf meine Frage, woran es gelegen habe, dass die Ehe nicht hielt, sagte er tatsächlich, Jutta sei leider vom Typ her jetzt nicht so spannend gewesen. Nachdem wir uns voneinander verabschiedet hatten, dachte ich, dass ich Jutta mal anrufen muss. Nur so zum Spaß. Vielleicht hat Jens ja Recht und ich muss ihn rehabilitieren.
Ich erzählte Sara von dieser Begegnung und sie amüsierte sich sehr. Dann erzählte sie von einem Treffen mit Heike, die sie ebenfalls lange nicht gesehen hatte. Die ist auf einen Schwindler reingefallen. Der Mann sah richtig gut aus und erzählte ihr, dass er Kampfflieger bei der schweizerischen Armee sei. Er zeigte als Beweis ein Bild von sich in Uniform und nach etwa einer Woche zog er bei ihr ein. Er behauptete, das sei praktischer, als immer von seinem Wohnort zu ihr zu pendeln. Manchmal fuhr er länger weg, dienstlich. Wenn er bei ihr war, hatte er komischerweise immer gerade in dem Moment sein Geld nicht parat, wenn irgendwas bezahlt werden musste. Sie half gerne aus, zahlte auch die Miete alleine und irgendwann lieh sie ihm eine größere Summe, weil er wegen irgendwelcher komplizierten internationalen Finanztransaktionen gerade nicht flüssig war.
Erst nach fünf Monaten kam sie darauf, ihn zu googeln und stellte fest, dass sein Name in diversen Foren vorkam, in denen Frauen von einem Obdachlosen berichteten, der sich als Pilot bei ihnen eingezeckt habe und den man kaum mehr los wurde. Schließlich recherchierte sie die Uniform der Schweizer Luftwaffe und musste sich eingestehen, dass der Mann ihr ein Bild von sich in einer Fantasieuniform gezeigt hatte, dass im Internet bestellt werden kann. Das Modell ist besonders im Fasching sehr beliebt, kostet 39 Euro und heißt im Online-Versand „Oberst Gaddafi“. Heike hat den Typ dann umgehend rausgeschmissen.
Und ich dachte, wenn Jens nur ein kleines bisschen weniger Jens und etwas mehr Oberst Gaddafi gewesen wäre, könnte er heute noch glücklich verheiratet sein.