Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kapselheber … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 17.06.2019

635_Ein Tag voller Gram

Die ganze Aufregung bringt doch nichts. Man soll cool bleiben. Alles andere macht krank und hässlich. Die große zen-artige Gelassenheit ist ein eindeutiges Zeichen dafür, dass seelische Reife das Gemüt regiert. Im Alter wird man einfach ruhiger. Wenn das wahr ist, dann habe ich noch einen langen Weg vor mir und bin entschieden jünger als ich aussehe. Heute zum Beispiel befand ich mich auf dem Gelassenheits-Level eines Erdmännchens auf Ecstasy.
Der Tag begann schon schwierig, nämlich ohne Müsli, ohne Milch und ohne Müslischale. Müsli und Milch können zur Neige gehen. Aber Müslischälchen? Wie kann davon keines mehr da sein? Eigentlich unmöglich. Ich steuerte automatisch das Gemach unseres Sohnes an und sammelte dort unter, auf und neben seinem Bett nicht weniger als neun Gefäße ein. Und einen leeren Milchkarton sowie eine Tüte Müsli, die jedoch nur noch die von Nick sorgfältig aussortierten Rosinen enthielt. Dann ging ich in die Küche und spülte ein Schälchen, das ich mit den Rosinen und einem gerade erst abgelaufenen Erdbeerjoghurt befüllte.
Ich mag es, beim Frühstück zu lesen. Also ging ich nach unten zum Briefkasten, aus dem meine Zeitung herausragte. Leider hatte es geregnet und ich zog ziemlich rabiat. Dabei zerstörte ich den Rest der Zeitung, den der Austräger beim in-den-Kasten-stopfen übriggelassen hatte. Egal. Dann eben Radio. Wir besitzen ein altes Gerät, an dem man herumdrehen muss wie an einem Tresor. Leider hat die Putzfrau den Sender verstellt, weil sie lieber ein Programm hört, das ausschließlich von Menschen moderiert wird, denen offenbar Silvesterraketen im Po stecken. Jedenfalls sprechen sie alle sehr laut und schnell und die Dringlichkeit ihrer Äußerungen steht in einem harten Kontrast zu deren Relevanz. Ich mag nicht schon morgens angebrüllt werden. Also drehte ich am Radio herum und brach dabei den Knopf ab. Jetzt ist nur noch Rauschen zu hören. Und auch wenn das besser ist als das Lieblingsprogramm der Putzfrau, verbesserte es meine Laune nicht.
Mittags entschied ich, dass meine finstere Grille womöglich mit ein wenig Kultur aufzuhellen sei. Ich entschied mich für einen Museumsbesuch. Caravaggio und seine holländischen Epigonen. Ich kam allerdings kaum dazu, ein einziges Bild in Ruhe anzusehen, denn gelassene ältere Damen und Herren schoben in riesigen geführten Herden durchs Museum. Ich wurde von dieser geriatrischen Völkerwanderung durch die Ausstellung geschubst wie Treibgut. Die Herrschaften trugen Kopfhörer, weshalb sie sehr laut sprechen mussten. Und sie hatten Klappstühle dabei, auf denen sie nicht sitzen konnten, weil das Haus dafür zu voll war. Stattdessen benutzten sie die Hocker, um sich den Weg frei zu prügeln. Schließlich gab ich auf und brach den Museumsbesuch nach der Hälfte ab. Ich glaube, der Generationenkonflikt löst sich nicht dadurch, dass man sämtliche Rentner mittwochs ins Museum schickt.
Letzte Abbiegemöglichkeit ins Glück: Grillen. Würstchen auf den Rost legen, tröstet enorm. Ich kaufte also ein. Leider haben wir keinen Garten mehr. Ich habe unseren großen Holzkohlegrill deshalb verschenkt und dafür einen kleinen Elektrogrill bestellt. Ich packte ihn aus, trug ihn nach draußen, schüttete Wasser in die Auffangschale, legte die Würstchen auf und schaltete ihn an, worauf umgehend die Hauptsicherung rausflog. Ich drehte sie wieder rein, schaltete den Grill ein und die Sicherung flog abermals raus. Ich wiederholte dies noch zwei Mal, dann nahm ich die Würstchen vom Grill, packte das Schrottgerät wieder ein und machte Brote, die ich mit Leberwurst und Wut bestrich.
Ein Glück habe ich für diesen Pleitegrill nichts bezahlt. Man kann es auch so formulieren: Du wartest Jahre Deines Lebens auf verspätete Züge, bekommst darin nichts zu essen, findest deinen Platz nicht, weil der Zug mal wieder falsch zusammengestöpselt wurde, verpasst mit großer Sicherheit deinen Anschluss, wenn dieser überhaupt fährt und als Entschädigung für nichts als Kummer und Gram und als symbolische Geste der Belohnung für Deine Treue schickt die Bahn Dir am Ende: einen kaputten Grill. Wobei das natürlich auch irgendwo passt. Diese Einsicht in den tieferen Sinn des Bahn-Bonus-Programms machte mich dann am Ende gelassener als ich morgens gedacht hätte.