Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Blumenkohl … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 24.06.2019

635_Erschöpft, aber glücklich

Gerade habe ich ein Buch fertiggeschrieben. Das ist immer eine heikle Zeit im Leben, weil man danach nichts mit sich anzufangen weiß. Man fühlt sich nutzlos und gammelt zuhause herum, ein bisschen wie eine hoffnungsvoll erworbene Ananas nach dreiwöchigem Aufenthalt in einer Obstschale. Wenigstens paaren sich auf mir keine Fruchtfliegen.
In dem Buch geht es um einen Mann, der eine ziemlich seltsame Diät absolviert, um zehn Kilo abzunehmen. Ich ahne schon, dass Fragen kommen werden, wieviel von der Figur in mir steckt. Die Frage kommt immer, denn Journalisten schöpfen aus einem recht übersichtlichen Themenkatalog. Wenn ich Sportler wäre, würde ich immer gefragt, ob ich mit diesem Ergebnis gerechnet hätte. Und wäre ich Politiker, würde man immer wissen wollen, ob ich Kanzler könne. In diesem Falle würde ich antworten. „Nein. Aber ich kann Deutsch. Im Gegensatz zu Ihnen.“
Egal. Jedenfalls stellte ich im Zuge meiner ausgedehnten Sofa-Gammelei fest, dass auch ich meinen Körper optimieren muss, damit man im Herbst nicht denkt, ich sei ein schreibender Kartoffelkloß mit Brille. Nun habe ich schon einiges versucht, um meine Wespentaille zu retten. Sogar Sport. Dabei bringt das angeblich nicht viel. Es ist gut fürs Wohlbefinden und die Psyche, aber zur Gewichtsreduktion trägt es nicht so viel bei wie der dauerhafte Verzicht auf Pralinen. Die sind übrigens an allem schuld. Pro geschriebener Seite Buch benötige ich durchschnittlich eineinhalb Pralinen. Das macht bei 426 Seiten genau 639 Stück. Die Folgen bekommt man durch bloßen Verzicht vermutlich nie wieder weg. Also doch Sport.
Ich habe bereits einiges ausprobiert und das meiste macht keinen Spaß. Joggen zum Beispiel. Es gibt Menschen, die das meditativ finden, für mich ist es mentale Ödnis auf dicken Gummisohlen. Oder Krafttraining. Habe ich probiert, bin aber zu dem Schluss gekommen, dass das gewaltsame Hochheben von schweren Sachen nur dann zu etwas gut ist, wenn man Spediteur oder Artist ist. Außerdem riecht es in Fitnessstudios nach Schulsport mit Wachstumsstörung und Bifi. Aber für den Rücken ist es gut. Das muss man zugeben.
Am Ende entschied ich mich für Boxtraining, weil mein Freund Marco meinte, es sei das Beste, um sich zu verausgaben und den Kopf zu entleeren. Letzteres stimmt sicher, wenn man öffentliche Auftritte von René Weller zur Benchmark für eine erfolgreiche Kopfentleerung macht. Um in seine Fußstapfen zu treten, ging ich am Dienstag erstmals zum Boxtraining. Das gefiel mir auf Anhieb, weil die anwesenden Herren auf tröstliche Weise normal wirkten. Auf meine Frage, wen von denen ich jetzt zusammenschlagen solle, drückte mir der Trainer ein Springseil in die Hand und befahl, zehn Minuten damit zu hüpfen. Das habe ich zum letzten Mal im Sommer 1978 gemacht. Ich musste vor einem Spiegel springen und das machte alles nur noch schlimmer. Ich sah aus wie ich mir die Bundeskanzlerin beim Seilspringen vorstelle. Bereits nach sechzig Sekunden war ich völlig erledigt. Das Training dauerte aber noch weitere 119 Minuten, in denen ich bisher unerforschte Gegenden meines Körpers entdeckte, die sowohl über Muskeln als auch über Schmerzweiterleitung verfügen.
Der Trainer war unfassbar geduldig mit mir. Ich glaube, in seiner Freizeit bringt er Weinbergschnecken bei, durch brennende Ringe zu springen. Nach einer Stunde erhielt ich Bandagen und Boxhandschuhe, durfte aber immer noch niemanden verdreschen. Dies erfolgt beim Boxen nämlich innerhalb genau choreografierter Bewegungsabläufe. Bevor man irgendwo draufkloppt, muss man erst einmal lernen, wie das richtig geht. Eigentlich ist es so ähnlich wie Tanzen lernen. Und was soll ich sagen: Es macht wirklich Spaß und führt zu einer völligen Entleerung sämtlicher Flüssigkeitsreserven des Körpers durch alle vorhandenen Poren, sogar hinter dem Ohr und zwischen den Zehen. Ich habe mich noch nie aus Vergnügen so verausgabt. Gehauen habe ich am Ende allerdings nur den blöden Sack, der von der Decke hing. Das war so toll, das mache ich nie wieder, weil ich meine Arme nicht mehr hochheben kann. Stimmt natürlich nicht. Ich gehe am nächsten Dienstag, wenn ich mich bis dahin bewegen kann. Seit Samstag bin ich zuversichtlich.