Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Wurstwasser … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 01.07.2019

637_Wärmestau im Kleinhirn

Heute, bei dieser Hitze, könnte ich einen Einpeitscher bei der Arbeit gebrauchen, jemanden, der mir in den Nacken schlägt, an der Rückenlehne herumrüttelt und dauernd brüllt „Los, schreib, Sklave! Schreib. Nicht so langsam!“ Fabelhaft für diesen Job geeignet scheint mir Jörg Kachelmann. Man möchte meinen, Meteorologen seien besonnene Wissenschaftler, aber dieser Kachelmann ist ein emotionaler Tropensturm. Terror der Isobaren. Hochdruck im Großhirn. Extremwetter im Schläfenlappen.
Ich habe ein Video von ihm gesehen, in dem er sich maßlos aufregt, weil die Menschen bei großer Hitze zu wenig lüfteten. Er zieht in den Krieg gegen eine Armada von Schwachköpfen, die behaupten, von Zugluft bekäme man einen steifen Nacken. Völliger Quatsch, sagt Kachelmann. Er fordert Kühlung durch Zugluft und zwar dalli, sonst müssen wir alle sterben, ganz besonders die Senioren. Wobei die alten Menschen undankbar sind. Sie rufen dann „Fenster zu, es zieht“, da kann Jörg Kachelmann toben wie er will.
Es muss jedenfalls ohne Motivations-Jörg gehen. Aber zum Arbeiten ist es zu warm. Also mache ich mich auf die Suche mach Süßigkeiten. Ich esse gerade keine. Überhaupt keine. Zucker ist ja Gift. Falls ich irgendwas Süßes entdecke, muss ich es vernichten, damit es keinen Schaden anrichten kann. Unter der Heizung im Zimmer meines Sohnes finde ich einen süßen Gummi-Schlumpf. Es ist ein wenig Staub dran, aber das geht weg. Schmeckt man auch gar nicht. Ich esse den etwas zähen Schlumpf und sehe ein, dass ich als Zucker-Junkie gerade ganz unten angekommen bin. Altes Gummizeug von unter der Heizung. Tiefer geht’s nicht.
Ich lenke mich mit Nachrichten ab. Jemand fordert die Abschaffung von Völkerball, weil Völkerball Mobbing begünstigen könnte. Das kann Geräteturnen auch, weiß jeder, der schon mal wie ein nasses Handtuch an den Ringen gehangen oder mit den Hoden am Barren hängengeblieben ist. Sport ist so. Die einen springen, die nächsten hüpfen und die übrigen plumpsen. Und ja, es muss im Achthundertmeterlauf einen geben, der zuletzt ankommt. So ist das Leben. Man könnte genauso gut Algebra verbieten, das kann auch nicht jeder und man würde mehr Leuten damit einen Gefallen tun.
Und was könnte man jetzt mal ernsthaft abschaffen? Leberwurst, Idiotenwahlrecht, Freibäder. Und vor allem diese grauenhaften Biergläser, die es jetzt überall gibt. Diese dicken Achteckigen mit Griff. Nicht zu fassen. Da könnte ich Kachelmannmäßig durchdrehen. Freunde: Das ist doch nicht so schwer. Man trinkt Bier aus einem Altbierbecher, aus einer Pils-Tulpe oder aus dem unbestechlichen guten alten Willibecher. So nennt man das Standart-Glas für Export-Biere, also für Helles. Diese spießigen Ritterhumpen sind eine Erfindung aus der Getränkehölle. Kachelmann, sag doch mal was dazu!
Apropos Glas. Wir haben seit einiger Zeit klimafreundliche Sprudelflaschen und leisten damit einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz, wenn auch nicht zur Getränkehygiene. Ich habe gelesen, dass in herkömmlichen Mineralwässern wahnsinnig viel Zeug enthalten ist, was da nicht reingehört. Leitungswasser sei in jedem Fall gesünder als die allermeisten Sorten aus dem Supermarkt. Das mag sein, aber die Experten haben noch nie eine Flasche gesprudeltes Leitungswasser untersucht, dass vier Tage im Zimmer unseres Sohnes gestanden hat. Ich möchte nicht wissen, was darin herumschwimmt und es geht mich auch nichts an.
Was mich jedoch rasend macht, ist, dass er nicht eine von diesen Flaschen dort stehen hat, sondern alle drei, die wir besitzen. Jeweils unterschiedlich verkeimt und mit sehr ansehnlichen Griffspuren versehen. Ich gehe in die Küche, reinige die Pullen mit einer Flaschenbürste, befülle sie mit Wasser und spanne eine in das pupsende Sprudelgerät. Es kommt aber kein Geräusch, denn jemand hat die Gaskartusche entnommen. Ich finde sie im Bad auf dem Wannenrand. Wahrscheinlich hat der Junge versucht, ein Sprudelbad zu nehmen, jedenfalls ist der Gaszylinder leer. Ich gehe dann bei 50 Grad Außentemperatur zum Drogeriemarkt. Auf dem Weg fummele ich mit der Zunge in meinem Gebiss herum. Ich habe irgendwie Schlumpf im Zahn. Nicht mein Tag. Es ist einfach zu heiß…