Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Bahn-Opfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 08.07.2019

638_Die biblische Pubertier-Plage

Als unsere Kinder klein waren, hatte ich einen Traum: Ich wünschte mir unser Zuhause als offenes Haus. Ich fand die Vorstellung spannend, dass bei uns immer was los sein würde, dass man auf diese Weise selber auch irgendwie jung bliebe. Und tatsächlich ist es so gekommen. Nicks Freunde sind gerne bei uns. Sie lieben es. Unsere Wohnung hat sich als bevorzugter Ablageort für unsortierte Pubertiere bewährt.
Inzwischen würde ich mir jedoch wünschen, dass die Herrschaften vorher bei sich zuhause speisen. Und nicht immer bei mir. Nick und seine Kumpel sind Wanderameisen. Sie sind Todesengel des Toastbrots. Sie sind Borkenkäfer des Kühlschranks, sie kommen über den Frischkäse wie juchzende Heuschrecken und schlagen Schneisen in den Nudelvorrat. Ständig höre ich sie in der Küche vor sich hin klappern. Dann gehe ich nachsehen. Sie machen Nudeln. Es ist 16:30 Uhr, sie sind gerade aus der Schule gekommen. Meistens setzen sie dann eher simple Rezepte um und rühren ein Glas Pesto in eine Packung Penne. Dazu trinken sie sechs Flaschen Spezi, dann gehen sie in Nicks Zimmer, um dort die Weltlage zu erörtern.
Eine Stunde später meldet sich ein kleines Hüngerchen und die drei stehen abermals in der Küche, um Pudding zu kochen. Diesen verzehren sie bei einem Fläschlein Spezi, um dann mit zwei Tüten Chips in Nicks Zimmer zu verschwinden. Gegen 18 Uhr taucht mein Sohn in meinem Büro auf und fragt, was denn so mit Abendessen sei. Hinter ihm stehen Finn und Elias und nicken wie Wackeldackel. Also mache ich Feierabend und kaufe fürs Grillen ein. Bei meiner Rückkehr kommt mir Elias im Flur entgegen. Er hat sich einen Toast gemacht, weil er es bis zum Abendessen sonst nicht ausgehalten hätte. In der Küche liegt die leere Toastpackung. Ich habe sie einen Tag zuvor gekauft.
Als ich Nick daraufhin zur Rede stelle, erklärt er mir, dass sich dieses Problem lösen ließe, indem ich größere Mengen einkaufe. Das sei ja logisch: je mehr da sei, desto länger hielten die Vorräte. Darauf wirft Finn lapidar ein, dass die Nuß-Nougat-Creme ebenfalls alle sei. Ich stelle mich auf den Balkon und werfe den Grill an. Wenig später vertilgen die drei Jungs ein gutes Dutzend Nürnberger, sieben Salsicce, sechs Schaschlikspieße, vier Steaks, drei marinierte Hühnerbrüste, drei gebutterte Maiskolben, eineinhalb Baguettes, eine Flasche Ketchup und eine Schüssel Salat. Dazu trinken sie acht Flaschen Spezi und Finn anschließend einen Espresso. Nach kurzem Innehalten fragt Elias: „Gibt es noch Eis?“
Ihr Dessert nehmen die Drei in Nicks Zimmer ein und ich höre dann zwei Stunden einen sehr gleichförmigen pulsierenden Bass aus seiner Stereoanlage. Deutscher Cloud-Rap klingt wie träge Verdauung. Gegen 23 Uhr dann wieder Geräusche in der Küche. Nudelwasser. Finn erklärt mir, dass es wichtig und total gesund sei, vor dem Schlafengehen noch etwas zu essen. Das habe er gelesen. „Weißt Du, nachts merkt man ja nicht, wenn man Hunger hat, weil man ja schläft. Und zack, wacht man auf und ist verhungert.“ Ich frage ihn, wo er das gelesen habe, und Finn sagt ganz ernst: „Im Internet.“ Dann hobelt er die letzte Parmesankante über einen riesigen Berg von Pesto-Penne, sieht mich an und sagt: „Und der Parmesan ist auch schon wieder alle.“
„Ich notiere es mir,“ sage ich und notiere es mir. Ich sitze dann über einem Einkaufszettel und stelle mir vor, wie es wäre, wenn wir einfach in den Supermarkt einzögen. Dann kommt mir eine brillante Idee. Es ist ja so: Die große Attraktivität meiner Wohnung hat stark mit dem fabelhaften Angebot an Nahrungs- Und Genussmitteln zu tun. Wenn ich die Pubertier-Plage los werden will, muss ich also nur das Ernährungskonzept ändern. Ich streiche sämtliche Posten auf der Einkaufsliste durch und notiere: Brot-Trunk, Sauerkraut, Schweinskopfsülze, Harzer Käse, Rosenkohl, Kümmelbrot, Blutwurst, Margarine, Marmelade mit Zitronenschale. Das wird reichen, um die hungrigen Hänger zu vergrämen. Ich sitze eine Weile so da, dann schmeiße ich den Zettel weg. Bin ich verrückt? Es gibt doch in Wahrheit nichts Schöneres, als Nick und seine Jungs, lachend Quatsch redend und kochend im Haus zu haben. Dann gehe ich zu Nick rein und frage Finn, welche Nuß-Nougat-Creme er sich wünscht.