Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Trompetenkäfer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 15.07.2019

639_No News are good news

Die Welt ist schlecht, die Nachrichten sind es demnach ebenfalls und das kann einen zur Verzweiflung bringen. Manchmal weiß ich gar nicht mehr, wo ich hinlesen, hinhören oder hinsehen soll, so furchtbar sind die News. Es macht gar keinen Spaß mehr, Mediennutzer zu sein. Nichts als Klimawandel, Rechtsruck überall und politisches Postengeschacher. Niemand hat mehr Lust, beim FC Bayern Fußball zu spielen. Wir haben zu wenig Pfandflaschen, aber viel zu viele Borkenkäfer. Es ist ein einziges Ächzen und Stöhnen in unserem reichen, weitgehend sorgenfreien Land.
Um zu verhindern, dass die Menschen aus lauter Gram gar keine Nachrichten mehr lesen, haben die Verlage und Rundfunkanstalten schon vor langer Zeit die Verbreitung von positiven oder wenigstens völlig belanglosen Nachrichten eingeführt, an denen man sich aufrichten kann. Bei der Lektüre dieser Meldungen vergisst man für einen Augenblick Björn Höcke und den Borkenkäfer und manchmal werden sogar drängende Themen verbindlich geklärt.
Ein Beispiel: Sicher haben sich schon viele Menschen angesichts des sympathischen Moderationspanzers Frauke Ludowig gefragt, was dieser wohl zum Frühstück isst. Ich persönlich habe mich diesbezüglich jahrelang mit Rätselraten regelrecht gequält. Die deutsche Presse-Agentur hat nun endlich für Klarheit gesorgt. Frauke Ludowig, so hieß es in einer Zeitungsmeldung, isst morgens ein Leberwurstbrot. Danke.
Und ich habe mich zum Beispiel auch immer mit der Frage gemartert, ob der Schlagersänger Matthias Reim eigentlich genaue Vorstellungen davon hat, wie der Sound seiner Live-Auftritte klingen soll. Und dann, vor ein paar Wochen, las ich in der Süddeutschen Zeitung folgende Meldung: „Matthias Reim, 61, hat genaue Vorstellungen für den Sound seiner Live-Auftritte. Der deutschen Presse-Agentur sagte er, es müsse klingen, „wie Matthias Reim klingen muss.“ Da muss man erst einmal drauf kommen. Nicht auszudenken, wenn Matthias Reim plötzlich wie Rammstein klingen müsse.
Die deutsche Presse-Agentur ist jedenfalls ein toller Laden. Vermutlich sitzt man dort morgens in großer Runde und diskutiert über die wichtigsten Themen und nur die allerwichtigsten können berücksichtigt werden. Die investigativen Mitarbeiter nehmen bleistiftkauend ihre Arbeitsaufträge entgegen und dann geht es auf Spurensuche: Ob Vicky Leandros einen Ausgleich beim Rasenmähen findet? Und ob Veronica Ferres ihrem Carsten manchmal Blechkuchen backt? Oder ob Olaf Scholz sich im Dienstwagen die Fußnägel macht? Man soll sich bloß nicht täuschen, das sind alles relevante journalistische Themen und Recherche-Ergebnisse können durchaus überraschend sein.
So erfuhr das Universum unlängst, welcher Promi unter der Maske des Schmetterlings steckte, und zwar Susan Sideropoulos. Das war für mich wirklich eine große Überraschung, denn ich habe noch nie von Susan Sideropoulos gehört. Keine Ahnung, wer das ist. Und ehrlich gesagt kannte ich diese Meldung schon, denn mein Sohn hat mich gezwungen, am Vorabend die ganze Fernseh-Show zu sehen, bei der am Ende herauskam, dass eben Susan Sideropoulos der Schmetterling war. Diese Sendung – sie heißt „The Masked Singer“ -war so unbeschreiblich langweilig, dass ich mich über jede Werbeunterbrechung gefreut habe. Es geht darum, dass verkleidete Menschen auftreten und eine Jury darüber fachsimpelt, wer sich hinter deren Masken verbirgt. Das Problem daran ist, dass einem erstens diese Promis vollkommen wurscht sind und die Sendung zweitens nicht einfach ein halbes Stündchen dauert, sondern gefühlt eine Woche. Und dann steckt am Ende Susan Sideropoulos unter der Schmetterlingsmaske. Und nicht Thomas Gottschalk oder Annegret Kramp-Karrenbauer. Das wären mal Nachrichten.
In Ermangelung wirklicher Prominenter müssen wir uns damit begnügen, was die Nachrichtenlage hergibt und das ist auch heute nicht viel. Felix van Deventer ist Vater geworden. Sein Sohn heißt Noah. Das ist schön. Aber wer ist Felix van Deventer?