Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Kinokartenverlierer … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 22.07.2019

640_Neues vom Stiefel

Das Schöne an Italien sind die erfrischende Unterschiedlichkeit seiner Bewohner und jener Zauber der Improvisation, der uns Deutsche bei jedem Besuch aufs Neue betört. Jetzt auch wieder. Sehr unterschiedlich sind zum Beispiel die Ansichten zu Innenminister Salvini. Er gilt manchen Italienern als Retter, der endlich aufsteht gegen die anderen Europäer, von denen sie sich bei der Flüchtlingsthematik im Stich gelassen fühlen. Andere halten ihn für einen faschistischen Teufel und schämen sich für ihn. Die stark auseinander driftenden Meinungen über das Wirken von Salvini hängen sehr davon ab, wo man in Italien wohnt.
In einem Land mit einer geradezu identitätsstiftend langen Küste punktet man leicht, indem man dort behauptet, jeder vom Meer kommende Besucher dringe gewaltsam in die Seele der Nation ein. Dies gilt aber nebenbei bemerkt nur für jene Reisende, die in Lampedusa von Bord gehen. Ihnen wird unterstellt, dass sie die lebensgefährliche Fahrt mit krimineller Energie bewerkstelligen, um anschließend Italien zu zerstören. Diejenigen hingegen, die vor ihrer Landung das empfindliche Ökosystem in der Lagune von Venedig mit einem schwimmenden Hochhaus umgegraben und dabei alles kaputt machen, sind hochwillkommen.
Im Inneren des Landes ergibt sich in dieser Diskussion ein anderes Meinungsbild. In Umbrien zum Beispiel. Es ist die einzige Region Italiens, die nicht entweder über eine Grenze oder eine Küste verfügt. Wenn man in Umbrien an einen Strand geht, muss man keine engagierte Kapitänin Rackete fürchten, weil es in Umbrien nur ein paar Seen gibt und auf denen fahren keine Rettungsschiffe. Und wenn doch, sind nur Österreicher an Bord, aber keine Afrikaner. Dementsprechend haben die Umbrier mehrheitlich kein Problem mit Bootsflüchtlingen und halten Salvini für einen Deppen.
Überhaupt ist Umbrien ein Paradies des ländlichen Glücks und des eingangs erwähnten Zaubers der Improvisationskunst. In dem Dorf, in dem wir seit vielen Jahren jeden Urlaub verbringen, hat allerdings jüngst eine behördliche Anordnung für Aufregung gesorgt. Es wurde nämlich die enge Durchgangsstraße mit einer Einbahnregelung versehen, denn die fahrenden und die parkenden Autos sowie die Mülltonnen und abgestellten Vespas verstopften den kleinen Ort und sorgten für einen ganztägigen Verkehrsinfarkt.
Nun war aber die Hälfte der Einwohner mit der Richtung der Einbahnstraße nicht einverstanden. Die andere Hälfte war begeistert. Die Kritiker fingen an, die Regelung zu boykottieren und fuhren falschrum in die Straße, wo sie von den Befürwortern beschimpft und in einem Fall mit einem Ei beworfen wurden. Daraufhin schraubten die Gegner in der Nacht die Schilder ab und stellten sie am anderen Ende der Straße wieder auf, sodass am nächsten Tag die Einbahnstraße in die entgegengesetzte Richtung wies. Dies blieb nicht unbeantwortet und am folgenden Tag war die alte Ordnung wieder hergestellt. Und so geht das seit Mai, ohne dass sich irgendjemand noch einmal beschwert hätte. Am Montag, Mittwoch und Freitag führt die Dorfstraße nach Süden und am Dienstag, Donnerstag und Samstag nach Norden. Am Sonntag macht jeder was er will.
Franceso brüstet sich damit, diese Maßnahme geplant und umgesetzt zu haben. Niemand wird ihn dafür belangen, denn er ist sehr beliebt, besonders beim weiblichen Teil der Dorfgemeinschaft. Es heißt, er habe seine Hände überall. Er habe in den fünfundvierzig Jahren seines Lebens praktisch jede Einwohnerin kennengelernt, manche sogar mehrfach. Und dann erst die ausländischen Ferienhausbesitzerinnen. In seiner Funktion als Makler, Versicherungsagent und Berater in allen Lebenslagen sei er dazu fähig, gleichzeitig zwei Frauenbeine zu streicheln und dabei seine Hände sowohl auf Schultern und Armen als auch an Taillen abzulegen. Dieser vielarmigen Eroberungsstrategie wegen führt er seit Jugendzeiten den Spitznamen „Der Tintenfisch“. Ich traf il calamaro in der Pizzeria und er fragte nach Sara. Ich sagte ihm, dass sie erst im August ankäme, nachdem ich bereits wieder abgereist sei. Und man kann es glauben oder nicht, aber ich sah nicht nur ein Lächeln in seinem Gesicht, sondern vor allem ein Zucken der Vorfreude an sämtlichen seiner Tentakel.