Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Wurstwasser … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 29.07.2019

641_Digital Detox

Vorgestern war es soweit: Sämtliche Datenvolumen der Kinder waren verbraucht, die Smartphones somit wertlos, kalte Kohle des digitalen Lifestyles. Vorher bestand meine Reisegruppe aus vorwiegend jungen Menschen, die mitten in einer der schönsten Landschaften der Welt saßen und täglich bis zu zehn Stunden „Haus des Geldes“ auf ihre Telefone streamten oder Online-Spiele zockten. Sie sprachen wenig mit mir und wenn doch, veri– oder falsifizierten sie jede einzelne meiner Äußerungen durch einen Sprung zu Google.
Die Erdbeere ist kein Obst, sondern eine Nuss. Paul Newman starb bereits 2008 und nicht erst vorletztes Jahr. Die italienische Küste ist 7600 Kilometer lang. Eigentlich alles total hupe. Man vergisst diese Fakten auch sofort wieder, denn es hängt nichts von diesem Wissen ab. Dennoch unterliegt unser Leben inzwischen einem andauernden Faktencheck, der mir nicht nur im Urlaub, sondern auch zuhause zunehmend auf den Keks geht.
Dieser Kontrollwahn hat nämlich nervtötende Folgen für unsere Gesellschaft, besonders bei Essenseinladungen. In prädigitalen Zeiten konnte man sich stundenlang über Dinge unterhalten, von denen man nicht viel wusste. Man stellte Theorien über Namibia auf, man mutmaßte, was „halal“ genau bedeutet und man versuchte gemeinsam, alte Schlaflieder zu rekonstruieren. Wenn man heute eingeladen ist und äußert, dass man das „Abendlied“ nicht mehr zusammen bekommt, hat schon irgendeiner sein Handy gezückt und den Text gegoogelt. Um ein fünf Stunden langes Abendessen durchzustehen, muss man heute ungefähr vier Dutzend googlebare Themen mitbringen und langweilt sich trotzdem, weil die Aufmerksamkeit, die sämtliche Smartphones erhalten, um ein vielfaches größer ist als jene, die dem Essen gewidmet wird. Abendeinladungen entfachen nur noch dann den Zauber geistvoller Unterhaltung, wenn die Gastgeber in einem Funkloch ohne Glasfaseranschluss leben. Man müsste sich seine Freunde danach aussuchen, aber man kann ihnen dann natürlich keine Whattsapp schicken, wenn man auf dem Weg zu ihnen eine Autopanne hat.
Nick und seine Freunde verfeuerten das Internet-Guthaben ihrer Handyverträge jedenfalls innerhalb von vier Tagen und ihr Kreis wurde immer enger, je mehr Geräte ausstiegen. Schließlich saßen sie eine Weile stumm herum, als wollten sie neue Flatrates ausbrüten. Doch dann erhoben sie sich, sahen einander an als hätten sie sich lange Jahre aus den Augen verloren und fingen an, verbal miteinander zu kommunizieren. Speziell bei Finn kam es mir vor, als hätte ich seinen Stimmbruch glatt versäumt. Ich habe ihn seit Ewigkeiten nichts mehr sagen hören. Seitdem plappern sie alle, ständig und durcheinander, was mir gut gefällt.
Gestern Abend erzählte Finn von einer Geschichte, die er in diesem Internet gelesen hatte. Man konnte sie nicht gegenchecken und es ist mir egal, ob sie stimmt oder nicht. In einem Supermarkt in den USA hat ein Junge eine Playstation für acht Dollar gekauft. Er hat an einer unbemannten, so genannten Self-Check-Out-Kasse das Gerät gewogen, es dann als Gemüse deklariert und demnach für acht Dollar Zwiebeln erworben. Nicks Freundeskreis wartet jetzt sehnsuchtsvoll auf die Einführung solcher Kassen in Deutschland.
Inzwischen ist meine Flat-Rate auch verbraucht. Zum Lösen eines Sudoku ist das Internet aber ohnehin nicht besonders hilfreich. Die Google-Anfrage „Wo kommt die fünf hin“ führt nicht zu den notwendigen Erkenntnissen. Nehme ich jedenfalls an. Ausprobieren kann ich es gerade nicht. Aber sobald ich wieder zuhause bin, hole ich das nach. Als allererstes.