Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Unterwäschemodel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 05.08.2019

642_Mein Auto ist inkontinent

Wer sich ein altes Auto kauft, leistet einen aktiven Beitrag zum Umweltschutz. Angesichts der Tatsache, dass solche Autos selten Katalysatoren besitzen und eher nicht aus nachhaltigen Rohstoffen gefertigt worden sind, klingt diese These abstruser als sie ist. Aber erstens werden alte Autos seltener gefahren, weil sie oft nur im Sommer angemeldet sind. Und zweitens sollten Autosammler grundsätzlich geadelt und von der KFZ-Steuer befreit werden, weil sie wahre Ritter des Klimaschutzes sind. Es ist nämlich so: Jemand, der zwanzig Oldtimer besitzt, kann trotzdem immer nur gleichzeitig mit einem einzigen fahren. Neunzehn stehen herum und verpesten die Umwelt kein bisschen. Autosammler bewahren also nicht nur die Schönheit, sondern auch die Natur.
Leider habe ich nur ein Auto. Ich entdeckte es in Rom und ließ es in Norditalien restaurieren. Das Ergebnis sei ein Meisterwerk, fand Rafaele, der mehrere Monate lang an dem Wagen gearbeitet hatte und dafür überall auf der Welt nach Schläuchen, einem Armaturenbrett, einer Wasserpumpe einem Blinkergehäuse und zahllosen weiteren Groß– und Kleinteilen fahndete. Er sandstrahlte die Karosserie, grundierte, lackierte zwei Mal, besorgte neue Reifen, reinigte, polierte, schraubte, testete und stellte ein und schließlich brachte er mir das runderneuerte Fahrzeug zu unserem Ferienort.
Am nächsten Tag fuhr ich damit nach Hause. Nachdem ich an einer italienischen Raststätte bei Mantua getankt hatte und gerade wieder einstieg, machte mich eine freundliche Holländerin darauf aufmerksam, dass da etwas aus meinem Auto laufe. Es startete auch nicht mehr. Also schob ich es in den Schatten und rief bei Rafaele an. Dieser befand sich zwar auf einer Beerdigung, aber die sei sehr langweilig. Und außerdem sei diese nicht weit von Mantua. Er komme schnell vorbei. Zwei Stunden später war er da. Die Kühlflüssigkeit war aus dem Ausgleichsbehälter gedrückt worden. Kein Grund zu Kummer, wahrscheinlich sei der Deckel kaputt. Er wisse jemanden in Rovereto, der solche Deckel habe.
Dieser Mann heißt Enzo und zwar ist er nicht in Rovereto, sondern noch einmal eine gute halbe Stunde davon entfernt, aber dafür gebietet er über ungefähr sechs Millionen Ersatzteile aus dem nicht gerade kleinen Universum des italienischen Fahrzeugbaus der vergangenen hundert Jahre. Nach einer guten Stunde fröhlichen Plauderns und Kaffeetrinkens verkündete er, dass dieser Deckel leider gerade nicht da, aber auch nicht die Ursache für das Kühlwasserinferno sei. Es handele sich vielmehr um einen Konstruktionsfehler des Wagens. Es sei Luft im Kühlsystem, diese drücke nach dem Abstellen die Flüssigkeit aus dem Behälter. Man möge die Heizung beim Fahren aufdrehen, dann käme kein Wasser mehr.
Das kann ich so nicht bestätigen. Wobei ich auch nicht sagen kann, dass Enzo Unrecht hat. Die Heizung funktioniert bloß nicht und deshalb kann ich sie nicht aufdrehen, um Luft aus dem Auto zu lassen. Diese kommt nach wie vor mitsamt des Kühlwassers aus dem kleinen Schläuchlein des Ausgleichsbehälters. Nach jeder Fahrt pullert mein Auto auf die Straße. Ich lasse es abkühlen, und fülle Wasser nach und warte, bis die angefeuchtete Anlasser-Elektronik wieder getrocknet ist und der Wagen anspringt. Diese fünfunddreißig Minuten muss ich bei jeder Fahrt einplanen. Und das ist eigentlich sehr schön. Es ist tatsächlich diese Form der Entschleunigung vom Alltag, die das Fahren eines historischen Automobils so wertvoll macht.