Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Cliff Barnes … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 12.08.2019

643_Die Band-Taufe

Gestern war Carla zu Besuch. Seit wir nicht mehr zusammenwohnen, sehe ich sie selten. Dabei macht sie sich keineswegs rar. Meine Tochter befindet sich in einem steten Austausch mit der Welt und ich bin Zeuge, weil ich ihr auf den von ihr bespielten sozialen Netzwerke eifrig folge. Auf diese Weise habe ich Kenntnis von der Anzahl und der Beschaffenheit ihrer Verehrer, ich sehe, was sie am Wochenende trinkt und manchmal schaue ich mir wackelige Filmchen an, auf denen sie schunkelnd mit Freunden irgendwo zu sehen ist. Es gibt auch Ton dazu, aber der ist verzerrt und laut. Ich glaube, es geht ihr ziemlich gut.
Wenn ich ihr eine Nachricht schicke und um einen Termin bitte, erhalte ich eine Woche später die Auskunft, dass sie gerade unpässlich sei und auf mich zurückkomme. Wieder einige Tage später öffnet sich ganz plötzlich ein Zeitfenster am Donnerstag zwischen 16 und 18 Uhr. Wenn ich dann nicht blitzschnell reagiere, ist es jedoch von einer gewissen Leonie besetzt. Oder von irgendeinem Typen. Oder von einer Bandprobe.
Carla spielt nämlich in einer Gruppe. Sie sind zu viert und einmal bekam ich einen Song geschickt. Ich verstand fast nichts, aber der Beat war sehr ordentlich. Ich sendete Komplimente zurück, worauf sie schrieb: „Passt schon. Du musst das mögen, Du bist mein Vater. Das ist Dein Job.“ Nun stehen erste Auftritte an und in diesem Zusammenhang besuchte sie mich, um mit mir über einen Bandnamen nachzudenken.
Die Entscheidung für den richtigen Namen einer Musikgruppe ist mindestens so wichtig wie die Musik selbst. Der Bandname muss etwas über den Stil aussagen, er muss merkfähig sein und cool klingen. „Sex Pistols“, „Tocotronic“, „Kraftwerk“ und „Arcade Fire“ sind fabelhafte Namen, während „Die Ärzte“, „The Police“ und „Die Amigos“ vielleicht noch eine Brainstorming-Runde hätten drehen können. Andererseits sind diese Combos immens erfolgreich geworden, was auf Qualitäten jenseits der Namensgebung deuten lässt.
Carla möchte aber auf keinen Fall, dass ihre Band trotz des Namens berühmt wird. Sie will keinen Stolperstein auf dem Weg nach Oben überschreiten müssen. Sie will sofort den großen Wurf. Man muss schließlich auch an an die Gestaltung von T-Shirts denken, an ein Logo, an die Zukunft. Mir gefällt dieser ganzheitliche Ansatz und er nährt meine Hoffnung, dass Carla uns eines Tages endlich aus dem Ghetto holt. Also beteiligte ich mich mit Vorschlägen. Auf meiner Liste standen hervorragende Bandnamen, die man alle noch nie gehört hat. Ich hielt mich dabei an die alte Regel, dass ein Name mit der Zielgruppe kommunizieren sollte. Es ist also klug, popkulturelle Bezüge zu verwenden, die sich nur Eingeweihten erschließen. Ganz oben auf der Liste standen: „Die wilde Maus“, „Verbal Kint“, „The bloody Robins“, „Gaylord Focker & the fruits of Doom“ sowie „Interregio Total“ und „Pink Floyd“.
Die eine Hälfte meiner Liste fand Carla doof, die andere blöd. „Verbal Kint“ gefiel ihr gut, bis ich ihr sagte, dass es der Rollenname von Kevin Spacey im Film „Die üblichen Verdächtigen“ sei. Sie informierte mich darüber, dass Kevin Spacey natürlich überhaupt nicht gehe. Sie nahm die Liste und eine Flasche Weißwein und verabschiedete sich. Später schrieb sie mir eine Nachricht. Man habe die Liste auf der Bandprobe diskutiert und sei zu dem Schluss gekommen, dass alle Vorschläge nach altem weißen Mann klängen. Und man habe sich für etwas Anderes entschieden. Und dann schrieb sie mir den Bandnamen. Er gefällt mir und scheint durchaus programmatisch zu sein. Carlas Gruppe heißt: „Toxisch weiblich“.