Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Wurstwasser … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 19.08.2019

644_Nicks Quatschbude

Was ich wirklich gerne mache? Nick und seinen Freunden dabei belauschen, wenn sie in seinem Zimmer sitzen, ihre Klappermusik hören und sich gegenseitig die Welt erklären oder von den Erfindungen berichten, mit denen sie reich zu werden beabsichtigen. Leider bin ich nie zu diesen Gruppendiskussionen eingeladen. Irgendwie will mein Sohn mich nicht dabei haben. Verstehe ich gar nicht. Also verschaffe ich mir mit kleinen Tricksereien Zutritt. Zum Glück merkt keiner von ihnen, dass es nur billige Vorwände sind, mit denen ich mich so lange einzecke, bis Nick genervt mit den Augen rollt. Dann muss ich leider wieder gehen. Neulich gelang es mir genau fünf Mal, in sein Zimmer zu kommen und jedes Mal nahm ich einen Gesprächsbrocken mit, der mein Leben bereicherte.
Beim ersten Mal trug ich frische Bettwäsche herein und hörte dabei Finn sagen, dass er ein Lebensmittel erfunden habe, dass nicht einfach nice sei, sondern ihn zum Milliardär machen werde. Er könne sich gut vorstellen, dass bei Kickstarter die Leute eine gute Million investieren würden für sein Start-Up. Und ich finde, seine Idee klingt wirklich nach einem verheißungsvollen Plan: Finn will Cola frittieren und in Papiertüten verkaufen. Zwanzig Minuten später kam ich rein, um das Fenster zu öffnen, denn die Kinder denken ja nicht an so etwas. Während ich sehr langsam am Griff hantierte, trug Aziz vor, dass er sich vorstellen könne, eine Bank zu überfallen, und zwar mit einer Zitrone. Man müsse lediglich eine harte alte Zitrone mit Plaka-Farbe anmalen, dann sehe sie aus wie eine Handgranate. Aziz muss es wissen, er kommt aus Syrien.
Bei meinem nächsten Besuch, den ich vordergründig dazu nutzte, um Nick danach zu fragen, ob er schon alle Hausaufgaben gemacht habe, erfuhr ich die Lösung für das Armutsproblem in der Welt. Nick erklärte seiner Clique, die Sache sei bestechend einfach, er habe das mal durchgerechnet. Sämtliche Abholstationen für Amazon-Pakete müssten einfach in Afrika sein. Jedes Mal, wenn man ein Paket irgendwo abholen müsste, führe man dann dort hin. Das brächte Devisen, kurbele die Reise-Industrie an und sorge für Vollbeschäftigung auf dem ganzen Kontinent.
Wenig später erklärte Sebi, Schwitzen an sich sei gelebte Demokratie und müsse als Grundrecht in der Verfassung geschützt werden. Das Recht auf Transpiration würde gerade Randgruppen wie ihm ein Leben in der Mitte der Gesellschaft ermöglichen. Schließlich betrat ich Nicks Zimmer zum fünften Mal, weil ich irgendwas von ihm wollte, was mir jedoch partout nicht mehr einfiel. Ich stand zwei Minuten mit Hand vor der Stirn angestrengt nachdenkend in der Tür und lauschte Nicks Freund Lukas, der eine exzellente Idee zur Minimierung von Wählerstimmen für die AfD hat. Diese bekommt künftig überhaupt nur noch dann Wählerstimmen zugesprochen, wenn es Beatrix von Storch gelingt, einen farbigen Schwulen richtig doll zum Lachen zu bringen. Das halte ich für absolut ausgeschlossen. Der Niedergang der AfD scheint besiegelt.
Als seine Freunde weg waren, kam Nick zu mir und befahl mir, nicht mehr dauernd in seine Bude zu kommen. Ich sei offenbar neidisch auf seine Freunde und solle mir eigene suchen. Gut. Ich habe Freunde. Aber sie sind alle erwachsen. Sie spinnen nicht mehr. Sie sprechen von Theater-Inszenierungen, Geldanlagen und Kochrezepten und vom Klimawandel und über ihre Krankheiten. Sechzehn zu sein ist auf jeden Fall lustiger.