Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Yeti … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 26.08.2019

645_Killer oder Comedian

Manchmal wird man von den Medien gezwungen, bestimmte Nachrichten zur Kenntnis zu nehmen. Eigentlich möchte man das nicht, weil einen das Thema nicht interessiert oder weil man mit wichtigeren Dingen beschäftigt ist. Zum Beispiel muss ich den Buchsbaum retten, den mein Sohn in meiner Abwesenheit nicht gegossen hat. Wer möchte, dass Pflanzen sterben, aber nicht die Courage hat, sie selber umzubringen, muss nur meinen Sohn bitten, zu gießen. Egal. Jedenfalls möchte ich nicht mit Neuigkeiten über Luke Mockridge versorgt werden. Aber zuletzt kam man kaum um seinen Auftritt im ZDF-Fernsehgarten herum.
Also habe ich mir das auch angesehen. Und der Auftritt war echt furchteinflößend. Aber nicht wegen Mockridge. Ich kenne den ja nicht, aber er sah aus, als würde er die Grenzen seines Talentes weit ausreizen. Ich habe danach noch andere Sachen von ihm angeschaut und muss sagen: Er ist auch sonst nicht lustig. Seine Darbietung war also nicht das beängstigendste an diesem Sonntagvormittag im ZDF. Wirklich schockierend war vielmehr das Publikum.
Es ist nicht wahr, was in den Medien berichtet wurde, nämlich dass es während Mockridges Darbietung Buhrufe und Pfiffe gehagelt hätte. Vereinzelt ist so etwas zu hören, aber viel deutlicher hört man zahlreiche Lacher und Applaus. Mockridge hat offenbar viel früher mit dem Abbruch seines Auftritts gerechnet und hatte gar kein Material für die fast fünf Minuten, die es dauerte, bis er endlich aufhören sollte. Und selbst da gab es noch Applaus. Und nicht wenig. Das sagt eigentlich mehr über das ZDF und sein Publikum aus als über den Komiker.
Nick sieht mir über die Schulter und sagt: „Ich glaube, ich werde auch Comedian.“ Er hat eine Schwäche für Berufe, die nicht anstrengend sind, aber unfassbar gut bezahlt. Sein erster Berufswunsch damals mit acht Jahren gefiel mir am besten. Da wollte er Minigolfhäuschentype werden. Ein Leben zwischen Eistruhe und Fernseher. Herrlich. Später war in seiner Vorstellung Labor-Furzer im Namen der Wissenschaft und Eisdesigner bei Langnese. Er war Diktator im Nahen Osten und Radiologe in München. Jetzt also Comedian. Ich weise ihn darauf hin, dass man nicht sofort im ZDF-Fernsehgarten – dem Olymp der TV-Unterhaltung – auftreten darf. Meistens wurschtelt man sich über Kleinkunstbühnen und ewig lange Jahre hoch, bis man irgendwann entdeckt wird. Eine Ochsentour ist das. Und man muss immer gut gelaunt sein. Geld gibt es erst nach Jahren.
Das verdrießt meinen Sohn erheblich. Aber zum Glück habe ich einen Vorschlag für ihn. In der letzten Zeit häufen sich nämlich bei mir die Spam-Mails mit persönlichen Absendern. Ständig bekomme ich Post von diversen Akademikern, die allesamt nur Vornamen haben: Dr. Markus, Dr. Frank, Dr. Michael, Dr. Thomas. Sie möchten mir Medikamente verkaufen. Dazu gesellt sich eine Armada von Damen, die mich unbedingt kennenlernen wollen. Sie heißen Beth, Alysia, Ashley, Gloria, Julia, Sabine. Die Absender wechseln ständig. Ich nehme mal an, dass es eine Strategie ist, damit mein Filter nicht erkennt, dass es sich um Mist handelt. Irgendwer sitzt da draußen an einem Schreibtisch und denkt sich andauernd neue Namen aus.
Das wäre doch was für Nick, denke ich und schlage ihm den Beruf „Absendererfinder“ vor. Er fragt, was man damit verdienen könne. Ich schwindle, dass es einen Tausender pro Tag dafür gebe. Eine Viertelmillion im Jahr. Dafür stehe er nicht auf, sagt er gähnend und geht wieder ins Bett. Dann doch vielleicht Berufskiller für Pflanzen. Das könnte sehr lukrativ sein. Und man muss tatsächlich: Gar nichts machen.