Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Beinscheibe … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 11.09.2019

647_Der Teufel in Nerdgestalt

Von Zeit zu Zeit beschleichen mich Zweifel an der Überlebensfähigkeit der Menschheit. Man sieht die Nachrichten an und kann kaum fassen, mit welcher beharrlichen Stumpfsinnigkeit weltweit die Natur zerstört und die Segnungen der über Jahrhunderte erworbenen Humanität von Rechtspopulisten in Frage gestellt werden. Ich denke dann, dass wir Menschen auf Dauer zu doof sind, um den Fortbestand unserer Spezies und jenen der Erde zu garantieren.
Aber das ist zu einfach. Es könnte auch sein, dass wir nicht zu dumm, sondern im Gegenteil zu klug sind für diesen Planeten. Wären wir nämlich nicht dazu in der Lage, immer neue Erfindungen zu machen und diese immer weiter zu entwickeln, besäßen wir gar nicht das Instrumentarium, um auf der Erde größeren Schaden anzurichten. Wir würden friedlich auf Feuersteinen herumkloppen und kämen bei der Mammutjagd fabelhaft ohne elektrisch betriebene Tretroller zurecht.
Die Digitalisierung ist ein gutes Beispiel für die These, dass wir uns in Richtung Untergang manövrieren, indem wir immer intelligentere und vor allem undurchsichtigere Fortschritte machen. Dabei liefern wir uns einer Handvoll Superschurken aus, die als solche jedoch nicht klar zu erkennen sind. Sie tragen alte Sneakers, lustige T-Shirts, schlechtsitzende Hosen und Bärte. Sie reagieren in moderatem Tempo auf dringende Textnachrichten und führen ein Leben, von dem alle Anderen annehmen, dass es stumpf und deprimierend ist. Das ist aber nur eine raffinierte Tarnung. In Wahrheit hält der Systemadministrator die Welt zusammen. Ein einziger Kniff mit seiner Kombizange und auf diesem Planeten gehen sämtliche Lichter aus.
Tatsächlich haben wir ja Alle überhaupt keine Ahnung. Für mich zum Beispiel ist das Internet Kabelsalat, mit dem man Texte verschicken und Kaffeebohnen bestellen kann. Ich ahne jedoch, dass sich hinter der Langeweile dieses Gestrüpps aus Steckern, Strippen, Programmierzeilen und vor sich hin brummenden Servern eine geniale Strategie der Weltverschwörung der Admins verbirgt. Wir alle sollen betäubt werden, während im Hintergrund fusselbärtige Nerds unter sich aufteilen, was von der Erde noch übrigbleibt, wenn jeder von uns sich im Internet zu Tode bestellt hat. Eigentlich klopfen wir immer noch auf Feuersteine, aber der Feuerstein von heute hat eine berührungsempfindliche Oberfläche, ist andauernd online und versorgt uns mit Bildern vom Mittagessen entfernter Bekannter, die soeben eine hawaiianische Bowl mit Avocado und Chia-Samen bestellt haben. Verrückt.
Meinen Systemadministrator habe ich noch nie gesehen. Da ich Gott auch noch nie gesehen habe, stelle ich mir meinen Admin etwa so vor wie eine Mischung aus Hui-Buh, Gandalf und einem Besucher des Hardrock-Festivals in Wacken. Wenn etwas nicht funzt, schicke ich ihm eine SMS und irgendwann behebt er das Problem. Manchmal sehe ich, wie er meinen Rechner von seinem Arbeitsplatz aus fernsteuert. Der Mauszeiger bewegt sich geisterhaft, er gibt in irgendwelchen Fenstern etwas ein oder exploriert die tiefsten Tiefen meines Computers. Später läuft wieder alles. Er gibt kurze Erklärungen ab und verschwindet wieder.
Im Grunde genommen sollten wir uns nicht auf Dinge einlassen, von denen wir nichts verstehen. Wir sollten uns keiner Technologie ausliefern, der wir in Wahrheit ebenso schutzlos gegenüberstehen wie Säbelzahntigern. Es ist gefährlich. Aber die dritte Staffel von Fargo bei Netflix – die ist zu gut, um sie zu verpassen.