Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Basstölpel … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 15.09.2019

648_Nicks krasse Küchen-Kreationen

Was ich am Älterwerden mag, ist meine größer werdende Lässigkeit gegenüber Trends. Ich würde es nicht unbedingt eine grundsätzliche Abneigung gegen neue Produkte nennen, aber ich stelle fest, dass mir immer mehr Dinge wurst sind. Es reizt mich zum Beispiel überhaupt nicht Smoothies zu probieren. Im Grunde ist dieses pürierte Obst ja bloß Babybrei mit Wasser. Warum sollte ich das trinken? Mach ich nicht, und erst Recht nicht aus Fläschchen die aussehen wie recycelte Behälter für Urinproben. Oder Lovechock Rocks. Das sind mit Schokolade überzogene Außenseiterfrüchte wie Maulbeeren oder Rosinen. Meine Tochter schwört auf diese Dinger, die allerdings aussehen wie fränkische Wolpertinger-Losung.
Ebenfalls nicht verführbar bin ich von Zahnschienen gegen Bruxismus, Hosen, die man per Reißverschluss unterhalb des Knies kürzen kann, Rote-Bete-Ravioli und E-Rollern. Tatsächlich tun mir die Menschen, die damit durch unsere Stadt fahren, immer ein bisschen leid. Sie sind nicht so schnell wie mit dem Fahrrad und verspielen ihren Vorsprung auf Fußgänger dadurch, dass sie vor und nach der Fahrt ewig an ihrem Handy herumfummeln müssen. Die Benutzer dieser Roller sehen auf der Straße extrem unlocker aus, was wohl daran liegt, dass sie am liebsten freihändig fahren würden, dies aber mit ihrem Leben bezahlen müssten. Außerdem stehen insbesondere Anzug tragende E-Rollerfahrer latent unter dem Verdacht, Konsumtrottel zu sein, die jeden albernen Käse mitmachen. Die trinken auch Kefir mit Gurkengeschmack und essen panierten Spinat. Den gibt es wirklich und er wird von mir beim Einkaufen beharrlich ignoriert.
Nun könnte man meinen, mein Leben wäre arm an Höhepunkten, weil ich nicht alles mitmache, aber zum Glück habe ich einen sechzehnjährigen Sohn. Nick bereichert meine vom Erwachsensein häufig etwas eingetrübte Lebens-Euphorie zuweilen mit fancy Sandwich– oder Baguette-Kreationen. Bisher dachte ich als Vielreisender, der sich hauptsächlich von den Hervorbringungen deutscher Bäckereiketten ernährt, dass kaum noch neue Arten der Belegung von Brot und Brötchen möglich sind. Aber Nick tüftelt ständig an Rezepten und an Erweiterungen von Rezepten herum.
Wenn ich ihn sehr nett darum bitte, bereitet er mir eine seiner Novitäten zu und ich staune darüber, dass ein zart angetoastetes Schwarzbrot mit Gouda, Sardellen, Philadelphia, einigen Kapern und süßem Senf tatsächlich besser schmeckt, als man denkt. Besonders, wenn man sehr großen Hunger hat. Eigentlich nur dann. Aber ich bin ihm trotzdem dankbar, weil ich ohne seinen Forscherdrang bis zu meinem Lebensende nur Salamistullen futtern würde. Ich bin schon auch sehr eingefahren in meinen Gewohnheiten.
Manchmal esse ich Gummibärchen, kann sie aber geschmacklich kaum voneinander unterscheiden. Es war mir auch lange nicht klar, wonach Gummibärchen überhaupt schmecken sollen. Zwar sind die aromagebenden Früchte auf der Tüte abgebildet, aber ich habe mir das nie richtig angesehen. Und nun muss ich feststellen, dass meine persönlichen Favoriten offenbar nach Ananas schmecken. Das sind die weißen Gummibärchen. Sie werden von allen anderen Familienmitgliedern verschmäht. Nach einer von mir im Freundeskreis angestellten Meinungsumfrage musste ich feststellen, dass ich tatsächlich nicht nur in meinem engeren Umfeld, sondern weltweit mit meiner Vorliebe zu einer Randgruppe gehöre. Kaum einer mag die Ananas-Gummibärchen. Am beliebtesten sind die dunkelroten Bären, die angeblich nach Himbeere schmecken. Das halte ich aber für ein Gerücht. Ich finde, sie schmecken nach dunkelrot.
Die Herstellerfirma verkauft jetzt die sechs unterschiedlichen Farben einzeln. Aber da mache ich nicht mit, denn ein wesentlicher Teil des Genusses von Gummibärchen besteht für mich darin, die grünen auszusortieren und zu beschimpfen. Aber Nick ist von der Idee sehr angetan. Er bastelt gerade in der Küche an einem Weg, Leberwurst mit Sprühsahne und roten Gummibärchen zu vermählen. Ich werde auch diesen Brotbelag probieren, denn ich finde, er klingt auch nicht absurder als der Plan, mit einem E-Roller zum Oktoberfest zu fahren.