Jan Weiler: Autor, Kolumnist, Fichten-Moped … Impressum
Mein Leben als Mensch — Verfasst am 23.09.2019

649_Ich schreibe für Sie

Als Carla klein war, ging sie für eine Weile in einen katholischen Dorf-Kindergarten. Eines Tages kam sie von dort ziemlich verstört nach Hause. Beim Mittagessen brach sie in Tränen aus und war kaum zu beruhigen. Auf meine besorgte Frage, was denn los sei, tremolierte sie: „Jesus Christus ist für uns gestorben“. Ich versuchte, die Angelegenheit zu relativieren, indem ich sagte: „Gut. Gesetzt den Fall, dass es ihn tatsächlich gegeben hat, ist er leider gestorben. Das ist bedauerlich, aber Du musst Dich deshalb überhaupt nicht schuldig fühlen. Erstens warst Du da noch gar nicht auf der Welt und zweitens kann man das so und so sehen.“
Die kirchliche Pädagogin hatte der Igelgruppe bildhaft erläutert, dass Jesus sämtliche Sünden aller ungezogenen Kinder auf sich genommen habe. Und wer es ihm leichter machen wolle, müsse sich bemühen, ohne Sünde zu bleiben. Ich fragte nicht nach, wie wir dem Sohn Gottes das Leben erleichtern könnten, wenn dieser doch längst tot sei, obwohl das echt unlogisch ist. Bei schlechten Filmen spricht man da von einem Plot Hole. Darüber kann man aber mit oberbayrischen Kindergärtnerinnen im Kirchendienst nicht diskutieren.
Wir nahmen Carla aus der Obhut katholischer Früherziehung und meldeten sie in einem Waldkindergarten an, wo sie wegen geistiger Unterforderung eine Art Hospitalismus entwickelte und zwei Jahre lang stumpf Nägel in einen Ast hämmerte. Trotz dieser eigenwilligen Prägung ist sie immerhin so lebenstüchtig geworden, dass sie meine Kreditkartendaten auswendig weiß, wenn sie sie braucht.
Jedenfalls dachte ich an den Satz, dass Jesus für uns gestorben sei, als ich kürzlich in Österreich im Stau stand. Auf der Europabrücke zwischen Innsbruck und der Staatsgrenze zu Italien. Auf einer Tafel stand: „Wir bauen für sie“. Was soll das bedeuten? Ich habe Österreich nicht darum gebeten und außerdem bauen sie dort seit Ewigkeiten gar nichts. Sie haben dort bloß eine kolossale Baustelle eingerichtet, die deutsche Urlauber zur Verzweiflung bringt und deren Durchfahrung jedes Mal zehn Euro kostet. Wofür eigentlich? Für die Besichtigung einer kaputten Brücke?
Die Formulierung, dass irgendwer etwas für einen tue, ist ziemlich in Mode. In der Innenstadt sind an einem Kaufhaus Schaufenster verhängt und auf dem Vorhang steht: „Wir dekorieren für sie“. Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Wenn man tatsächlich für mich dekorieren würde, sähe das Ergebnis hinterher sicher anders aus. Was soll diese Phrase dann überhaupt bedeuten? Glauben deren Urheber, dass man sich vor Rührung und Dankbarkeit in den Staub wirft, bloß weil in der Kantine auf einer Kreidetafel steht: „Wir kochen für Sie Pangasiusfilet mit Gemüsereis“? Im Grunde ist es eine hohle Formel. Sie bedeutet nämlich: gar nichts. Außer, dass irgendwo gebaut wird oder dass es Fisch gibt. Aber die Formulierung insinuiert eine Art Opferbereitschaft beim Personal, welches sich auf die Straße, ins Büro oder in die Küche geschleppt hat, bloß um für uns, den undankbaren, ungeduldigen amorphen Pöbel unter entsetzlichen Entbehrungen Asphalt zu gießen, Vorlagen zu stempeln, Kürbisse in Schaufenster zu legen oder Fischfilets aufzutauen.
Dabei wird mir gerade klar, dass ich seit Jahren für Sie schreibe, egal ob sie diese Zeilen lesen oder nicht. Ich bin heute morgen aufgestanden, habe bereits sechs Tassen Espresso getrunken, mich Stunde um Stunde mit diesem Text abgequält. Alles für sie. Gut. Und für ein gewisses Honorar. Und weil es mir Spaß macht. Und weil ich sonst gar nichts mit mir anzufangen wüsste. Also streng genommen mache ich das nur ein bisschen für sie und in der Hauptsache für mich. Und für meine Familie.
Carla ist jetzt 21 Jahre alt und geht auf eine Kunstschule. Für das Fach „digitale Illustration“ benötigte sie ein iPad, das sie zum Geburtstag bekommen hat. Das erste Bild, das sie darauf angefertigt hat, zeigt einen bärtigen Mann mit einem Heiligenschein. Sie mailte es mir. Ich rief sie an und fragte, ob das Jesus sei. Sie sagte, es sei bloß irgendeine kleine Zeichnung. Und dann fügte sie hinzu: „Die habe ich nur für Dich gemacht.“ Und es war das erste Mal seit längerer Zeit, dass der Satz für mich wieder seine echte Bedeutung besaß.